Füchschen schrieb:Mark Reicher sagt auch, dass Putin alle Kriegsveteranen verheizen will und 500000 Mann einziehen möchte, um sich so das Problem der Kriegsveteranen vom Hals zu schaffen. Er geht davon aus, dass sie getötet werden. Ja, das könnte das Kalkül von Putin sein.
Soldaten als Verbrauchsmaterial und das Problem der zurückkehrenden VeteranenDie Behauptung, Putin habe von Anfang an geplant, problematische Kriegsveteranen erneut einzuziehen und an der Front töten zu lassen, geht über das derzeit Belegbare hinaus. Für einen solchen langfristig vorbereiteten »Entsorgungsplan« gibt es keine belastbaren Nachweise.
Das zugrunde liegende Menschenbild des russischen Herrschaftssystems ist jedoch erkennbar: Gewöhnliche Menschen werden nicht als Bürger mit eigenen Rechten und Bedürfnissen behandelt, sondern als verfügbare Ressource. Solange sie für den Krieg gebraucht werden, dienen sie als Soldaten, Arbeiter oder propagandistische Helden. Werden sie verwundet, traumatisiert oder gesellschaftlich problematisch, wird ihre Versorgung vor allem unter dem Gesichtspunkt betrachtet, ob von ihnen eine Gefahr für die politische Stabilität ausgeht.
Rekrutierung aus besonders verwundbaren GruppenZu Beginn des Krieges versuchte der Kreml, die militärischen und gesellschaftlichen Kosten möglichst von den politisch wichtigen Bevölkerungszentren fernzuhalten. Überproportional rekrutiert wurden Menschen aus armen Provinzregionen, Angehörige ethnischer Minderheiten, Migranten, Strafgefangene und andere sozial oder wirtschaftlich abhängige Gruppen.
Die Gefängnisrekrutierung begann beim Wagner-Konzern und wurde später vom russischen Verteidigungsministerium übernommen. Gesetzesänderungen ermöglichten schließlich auch Beschuldigten und Angeklagten, durch einen Militärvertrag einer weiteren Strafverfolgung oder Haft zu entgehen. Nach Angaben der Europäischen Asylagentur sollen bis Mitte 2025 rund 200.000 Gefängnisinsassen entsprechende Verträge unterzeichnet haben; manche Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 30 Prozent der neu angeworbenen Soldaten vorbestraft waren.
Darunter waren nicht nur Menschen, die wegen geringfügiger Delikte einsaßen, sondern auch verurteilte Mörder und andere schwere Gewalttäter. Der Staat nutzte ihre Notlage und die Aussicht auf Begnadigung, hohe Zahlungen und gesellschaftliche Rehabilitation. Dass viele dieser Männer schlecht ausgebildet und in verlustreichen Angriffen eingesetzt wurden, wurde zumindest in Kauf genommen.
Es wäre dennoch falsch, sämtliche Rekrutierten pauschal als gesellschaftlichen »Bodensatz« zu bezeichnen. Präziser ist es, von sozial marginalisierten, gesundheitlich belasteten, kriminalisierten oder wirtschaftlich besonders abhängigen Bevölkerungsgruppen zu sprechen. Der entscheidende Vorwurf richtet sich nicht gegen diese Menschen, sondern gegen einen Staat, der ihre Schwäche gezielt für einen Krieg ausnutzt.
Vom kurzfristigen Soldatenbedarf zum gesellschaftlichen ProblemAnfangs konnten von Wagner rekrutierte Gefangene nach sechs Monaten Fronteinsatz begnadigt nach Hause zurückkehren. Diese Regelung entsprach dem unmittelbaren militärischen Bedarf: Der Staat benötigte schnell große Mengen Infanterie und beschäftigte sich kaum mit den langfristigen Folgen.
Nach ihrer Rückkehr begingen einzelne ehemalige Kämpfer jedoch schwere Gewalttaten. Besonders problematisch waren Männer, die bereits vor ihrer Rekrutierung wegen Mordes oder anderer Gewaltdelikte verurteilt worden waren. Ein unabhängiges russisches Medium ermittelte anhand von Gerichtsakten und Medienberichten nahezu 500 getötete oder schwer verletzte Zivilisten durch zurückgekehrte Kriegsteilnehmer. Die genaue Gesamtzahl lässt sich von außen nur schwer überprüfen, das grundsätzliche Problem ist jedoch durch zahlreiche Einzelfälle dokumentiert.
Ein Rechtswissenschaftler einer Hochschule des russischen Innenministeriums warnte 2025 öffentlich vor einer weiteren Zunahme der Gewaltkriminalität. Als Risikofaktoren nannte er unter anderem bereits vorhandene kriminelle Biografien, posttraumatische Belastungen, Alkoholmissbrauch, mangelnde soziale Betreuung, fehlende zivile Berufsperspektiven und die im Krieg erworbene Gewöhnung an Gewalt. Auch der Umgang mit Waffen und militärische Fähigkeiten könnten nach der Rückkehr für kriminelle Strukturen interessant werden.
Dabei wäre es ebenso falsch, traumatisierte Veteranen allgemein mit Gewalttätern gleichzusetzen. Die meisten traumatisierten Menschen werden nicht kriminell. Das besondere Risiko entsteht hier durch die Kombination aus Kampferfahrung, vorheriger Gewaltkriminalität, Alkohol- oder Drogenproblemen, fehlender Behandlung, sozialem Abstieg und einem Staat, der diese Männer zunächst bewaffnet und anschließend nur unzureichend betreut.
Warum viele Soldaten nun nicht mehr zurückkehren dürfenDas Verteidigungsministerium änderte 2023 die Bedingungen für rekrutierte Strafgefangene. Sie werden nach sechs Monaten nicht mehr automatisch entlassen, sondern müssen grundsätzlich ebenso wie gewöhnliche Vertragssoldaten bis zum Ende des Krieges dienen. Offiziell wurde dies mit der Gleichbehandlung gegenüber anderen Soldaten begründet.
Diese Änderung muss nicht als Beweis für einen geheimen Vernichtungsplan verstanden werden. Sie erfüllt mehrere offen erkennbare Zwecke zugleich: Russland behält erfahrenes Personal an der Front, verhindert einen weiteren Rückgang der Truppenstärke und verschiebt die sozialen Probleme einer massenhaften Rückkehr auf einen späteren Zeitpunkt.
Auch im Kreml wird die spätere Rückkehr der inzwischen sehr großen Veteranengruppe offenbar als mögliches Risiko für die Stabilität des Landes und seines politischen Systems betrachtet. Es besteht die Sorge, eine unkontrollierte Demobilisierung könne ähnliche Folgen haben wie die Rückkehr sowjetischer Afghanistanveteranen, von denen einige später in organisierte Kriminalität und gewaltsame Konflikte gerieten. Hinzu kommt, dass viele Soldaten im zivilen Leben nicht annähernd die Einkommen erzielen können, die ihnen für den Kriegsdienst gezahlt werden.
Programme wie »Zeit der Helden«, durch die ausgewählte Veteranen in Verwaltung und Politik eingebunden werden, dienen deshalb nicht nur ihrer gesellschaftlichen Anerkennung. Sie sind auch ein Instrument zur Auswahl, Kontrolle und politischen Bindung eines Milieus, das der Kreml einerseits als patriotische Elite verherrlicht, andererseits aber als mögliches Sicherheitsrisiko betrachtet.
Ausweitung der RekrutierungsbasisGleichzeitig reicht die frühere Konzentration auf Gefangene, arme Provinzbewohner und andere marginalisierte Gruppen offenbar nicht mehr aus. Russland wirbt inzwischen verstärkt Studenten und technisch ausgebildete junge Menschen für Drohneneinheiten an. Angeboten werden hohe Zahlungen, Beurlaubungen vom Studium, die Übernahme von Studiengebühren und weitere Vergünstigungen. Unternehmen erhalten teilweise Vorgaben, eine bestimmte Anzahl von Beschäftigten zum Abschluss von Militärverträgen zu bewegen.
Das ist noch keine allgemeine Mobilisierung der urbanen Mittelschicht. Es zeigt aber, dass der Staat seine Personalbasis verbreitern und zunehmend auch besser ausgebildete Bevölkerungsgruppen erfassen muss. Der Krieg kann auf Dauer nicht ausschließlich mit Gefangenen, Migranten, ethnischen Minderheiten und Bewohnern abgelegener Regionen geführt werden.
FazitPutin hat wahrscheinlich nicht schon zu Kriegsbeginn einen ausgearbeiteten Plan verfolgt, gesellschaftlich problematische Veteranen später an der Front »entsorgen« zu lassen. Das wäre eine unbelegte Überinterpretation.
Das tatsächliche Vorgehen ist kaum weniger zynisch. Der russische Staat hat zunächst Menschen aus besonders abhängigen und politisch schwachen Gruppen für einen verlustreichen Krieg mobilisiert. Die Folgen ihrer Traumatisierung, Verrohung und späteren Rückkehr waren zweitrangig. Erst als schwere Straftaten und gesellschaftliche Unsicherheit sichtbar wurden, begann der Kreml, die Rückkehr großer Veteranengruppen als politisches Problem zu behandeln.
Die verlängerte Dienstpflicht hält diese Menschen gleichzeitig an der Front und aus der Zivilgesellschaft fern. Das muss nicht ihr ursprünglicher Zweck gewesen sein, ist inzwischen aber ein politisch nützlicher Nebeneffekt.
Das zugrunde liegende Prinzip bleibt gleich: Für das Regime ist der einzelne Mensch vor allem Manövriermasse – zunächst für den Krieg und anschließend für die Sicherung der eigenen Herrschaft.