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Der Hartz 4 Thread

17.443 Beiträge, Schlüsselwörter: Hartz IV, Sanktionen, BGE, Industrielle Reservearmee

Der Hartz 4 Thread

16.05.2020 um 09:23
abahatschi
schrieb:
Jetzt wurde viel dazu geschrieben, vielleicht erklärst Du mal was Du meinst.
Nee. Unsere Kommunikation hat sich erledigt. Das führt zu nichts.

Zu den anderen Sachen schreibe ich natürlich noch etwas. Da ich voll wieder arbeiten gehe, ist es zeitlich nicht einfach. Ich versuche, dass es heute klappt.


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Der Hartz 4 Thread

16.05.2020 um 09:48
Ich schrieb erst einen Antwortbeitrag mit unterschiedlichen Zitaten bzw. kommentierten Textpassagen von @MokaEfti, das dümpelte aber als "Entwurf" etwas vor sich hin. Letztendlich passt der Beitrag von @chriseba aber so gut, dass ich meinen "Zitatwald" (mitsamt Antworten) streiche und lieber auf diesen verweise. Ein schöner veranschaulichender Beitrag mit Beispielen aus dem eigenen Leben aber auch guten plakativen Beispielen.

Dem kann ich im Kern nur zustimmen. Denn bei aller möglichen Schikane oder nicht harmonierenden / nicht motivierten Vermittlern, die es hier und da nun mal geben könnte, ich glaube wir tun uns keinen Gefallen wenn wir nun alle versuchen würden pauschal das Bild des Armen schikanierten, von Schicksalsschlägen gebeutelten ALG-II Beziehers zu verinnerlichen. Diese gibt es, ja. Aber es sind nicht alle. Ich glaube wir tun uns keinen Gefallen ständig das Bild hochzuhalten und quasi in der Folge den "Buhmann" quasi komplett woanders hinzuschieben, denn es impliziert, man hätte quasi kaum bis keine Eigenverantwortung seine Lage zu bessern.

Nicht jeder kann sie vielleicht bessern, weil hier externe oder eigene Umstände einen Strich durch die Rechnung machen. Aber grundsätzlich haben viele die Möglichkeit, die sie halt direkt oder indirekt in Angriff nehmen müss(t)en. Das ist aus meiner Sicht die Form der Chancengleichheit oder der unterschiedlichen Wege nach Rom. Rom ist das sinngemäße Ziel. Manch einer muss längere Wege, quasi Umwege, bestreiten, andere sind schneller da und wiederum andere können den Weg nach Rom ab einem gewissen Zeitpunkt gar nicht mehr bestreiten - könnten aber dann sinngemäß nach Venedig gehen. Oder Wien.

Mein primärer "Glaubenspunkt" ist, dass die primäre Kraft wie auch Verantwortung (es gibt Ausnahmen, keine Frage) in der Regel bei einem selbst liegen. Externe Stellen wie Institutionen oder Personen können zu einem gewissen Grad helfen. Manchmal weniger, manchmal sehr viel. Sie können Möglichkeiten aufzeigen und Lösungswege anbieten. Aber nur ich kann in der Regel dann auch die "Aktion" folgen lassen und muss dann danach handeln, kooperieren bzw. den Weg gehen oder sonst wie aktiv tätig werden.

Im Folgenden möchte ich das nochmal selbst mit ein wenig Text veranschaulichen. Es soll den Punkt - Tätigwerden - unterstreichen. Da es mehr Text ist und eigentlich nur optional ist, packe ich das in die Spoiler. Wer sich das antun will sieht dann aber vielleicht, wie man eben mit gewissen Handicaps dennoch Chancen nutzen kann, sowohl systemseitige Chancen, als auch, wie man mit der positiven Grundeinstellung die man auch bei schlechten Zeiten bewahren sollte, seine Ziele eher erreichen kann.

Eine kurze Übersicht zu mir, oder auch: Wie man ein Leben mit gewissen Handicaps in eine positive Richtung drehen kann

Spoiler

- Startposition: Selbst "MiHiGru", wie manche Personen Migrationshintergrund nennen, keine Behinderungen, quasi klassische Arbeiterfamilie obwohl im weiteren Umfeld der Verwandschaft auch Selbstständige waren / sind, aber ich hier keinen maßgeblichen Einfluss erkennen kann bzw. das direkte familiäre Umfeld als relevanter einschätze. Mutter war Reinigungskraft, Vater Vorarbeiter im Lager oder der Produktion von einem Betrieb

- An sich gute Kindheit, erste aktive Weichenstellung in der Grundschule wo der "old school" (im wahrsten Sinne) Schulrektor ganz und gar nicht harmoniert und einen auch rausgepickt hat. Der war wirklich alte Schule, hätte den Rohrstock benutzt wenn er könnte und letztendlich nicht die beste Leistung in einem förderte - am Ende Empfehlung für Hauptschule, der man nachkam. Nicht, dass das an sich schlecht ist aber rein damit sind gewisse Berufswünsche, so man sie hat, ein Ding weiter Ferne

- Heftige Zeit der Schicksalsschläge in diesen 6 Jahren. Manche sagen es sei sehr schlimm wenn Eltern ihr Kind verlieren, auf eine besondere Art. Hier war es anders herum und doppelt der Fall, gestaffelt. Zudem haben beste Schulfreunde die die Situation eigentlich annehmlicher gemacht haben (weil man noch wen hat mit dem man spielen, witzeln, abhängen kann) etwas sehr Dummes getan, mich hat man aber erwischt und ... naja, sagen wir einfach, das waren dann eine längere Zeit die ehemals besten Freunde. Dazu kam aber aktives Mobbing was die Schulleistung nicht gerade verbessert. Trost war eigentlich nur, dass ein Verwandter die Vormundschaft übernehmen konnte und mich vor einem unklaren, ggf. diffusen Heimaufenthalt mit (möglicherweise) anderen Problemkindern bewahrt hat. Ich weiß nicht, ob ich mich so negativer entwickelt hätte oder nicht

- Trotz schlechter Situation folgte Fokussierung auf gewisse Fächer weil mir Englisch durch IT- und Spieleaffinität sehr liegt, was mich in den Leistungskurs bringt. Die Weichenstellung für die mittlere Reife war gegeben, die ich auch erlangte. Ferner schrittweise Versöhnung mit den damals Involvierten, was es besser machte

- Dennoch lange nachteilige Prägung der Schicksalsschläge, die sich auf die nächsten Jahre auswirken würde. Nach Erlangen der mittleren Reife Unklarheit, wohin. Werkstattjahr im Fokus Wirtschaft und Verwaltung angepeilt. Dort jede Woche an unterschiedlichen Tagen beim Träger wo unterschiedliche Themen besprochen werden, fachtheoretischer Teil an einer echten Berufsschulklasse mit realen Auszubildenden in unterschiedlichen Unternehmen (wir haben quasi teilgenommen wie sie und auch Tests geschrieben) und dann noch an einem Tag Praktikum bei einem selbst gewählten Unternehmen. Bei mir war es eine größere Elektronikkette die jeder kennt und wo man rot sieht. All das über ein Jahr. In der Berufsschulklasse fällt von einem Auszubildenden mit dem ich gut klarkomme in der Pause ein Schlüsselhinweis: "Mach doch ein Fachabi." In der Folge schreibe ich mich dafür an der gleichen Berufsschule / höheren Handelsschule ein, Schwerpunkt Wirtschaft und Verwaltung.

- Leider lasten die Schicksalsschläge nach, manchmal leidet die Motivation und auch manche Noten. Rückwirkend betrachtet ist das kein Prozess den man einfach vom einen auf den anderen Tag ablegt, sondern der Zeit braucht. Sinngemäß: Guter Whiskey muss reifen. Mathefreund wurde ich nie, Englisch war wieder gut, mittelmäßiger Gesamtabschluss, aber dafür halt Fachhochschulreife.

- Orientierungsphase, den ich auch "den großen Umweg" nennen würde. Nach dem Fachabi war der Gedanke das gedanklich in einem Studium im nahegelegenen Ausland zu vertiefen, mir missfallen in der Praxis dann aber doch Perspektive und Zielrichtung des Studiums. Es hätte wenig Sinn ergeben mich zu zwingen es zu vollenden, daher Reissleine gezogen, exmatrikuliert und den Fokus eher auf entweder eine klassische Ausbildung oder zumindest ein duales Studium gelenkt. Ab hier beginnt auch ca. zum Start des letzten Jahrzehntes der ALG-II Bezug weil man ohne Stuidum/Schule den "Luxus" der Waisenrente nicht hat und irgendwoher Geld kommen muss.

- Durch mittelmäßigen Abschluss bzw. Handicap in einem Schlüsselfach (schlechte Note) ist es schwierig auf Anhieb eine positive Rückmeldung zu erhalten. Fast immer Absagen, zwischendurch Maßnahmen - die letzte war die beste, weil der Führerschein nebenher gemacht werden konnte. Dafür bin ich wirklich dankbar, viel Geld hatte ich auch nie auf der hohen Kante. Als Empfänger bist du da eh relativ gläsern. Ansonsten habe ich immer aktiv mitgewirkt denn ich wollte den Bezug so früh wie möglich beenden und einen Job finden.

- Mittlerweile wusste ich durch ausschließende Erfahrungen, was ich wirklich wollte. Das kann einen ungemein oder weiterhin motivieren und befeuern. Zwar war ein grundsätzlich kaufmännischer Job nett, aber spezifischer hat mich die Arbeit in Behörden interessiert weil sie gewisse Dinge in der Regel vereint: Kaufmännische Aspekte aber auch eben irgendwo "Dienst für den Bürger" in unterschiedlicher Form. Das hat mich angesprochen. Die Vorschläge vom JC waren aber meist auf lokale Betriebe (die lustigerweise auch immer abgesagt haben) beschränkt und ich suchte mir Behörden auf kommunaler, landesweiter und bundesweiter Ebene primär selbst heraus, informierte mich aktiv, ging auf Jobmessen und Vorträge z.B. vom Zoll, der Landes- (NRW) oder Bundespolizei, usw. Bereitete mich mit Trainingsbüchern von Hesse und Schrader auf die Tests vor und und und.

- Ich sammelte Erfahrungen nach einigen Tests und einem Vorstellungsgespräch. Da ich so langsam (mit Maßnahme, ging ca. 5 Monate) 1,5-2 Jahre im Bezug war wollte man mich perspektivisch in ein bestimmtes Callcenter stecken. Ich will ehrlich sein: Meine Präferenz wäre das nicht gewesen, Leuten etwas andrehen zu wollen. Ich weiß, es gibt unterschiedliche Formen von Callcentern aber das war eben genau das mit dem "Andrehen" und so weiter. Aber ganz ehrlich? Es hätte die Unterlagen aufgebessert wenn ich mich aus einem aktiven Job heraus bewerbe. Ich hätte es gemacht. Aber glücklicherweise kam vorher eine Zusage bei einer Wunschstelle in eigentlich dem Bereich den ich mir rausgesucht hatte. Ich war endlich "frei" und hatte genau das bekommen, was ich wollte.

Aber das habe ich mir letztendlich selbst rausgesucht. Das heißt nicht, dass die Unterstützung des JC immer "mies" ist. Es waren gute Hinweise dabei, die mich aber immer abgelehnt haben. Man sagte mir, dass meine Anschreiben und sonstige Gestaltung eigentlich gut seine und oft besser als die der üblichen Teilnehmer in Maßnahmen, aber wenn wem deine Noten oder dein Lebenslaut inhaltlich nicht passt, kannst du dich auf auf den Kopf stellen, da passiert dann wenig. Zoll und Co und unterschiedliche Behörden waren meist aber auch nicht Teil der Vorschläge die im System eintrudelten, zumindest zu der Zeit damals waren die in diesen Datenbanken oft nicht drin und schrieben selbst oder anderweitig aus.



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Was soll das darlegen? Ich hätte mich auch hängen lassen können, einen Kreuzzug gegen das JC oder die Gesellschaft starten können weil ich es so schwer hatte oder habe. Was weiß ich. Aber ich besserte meine Lage mit der potentiellen Energie lieber. Mir ist auch klar, dass unterschiedliche Leute unterschiedliche Perspektiven oder Reibereien (mit dem JC) haben können. Aber ich sah in meiner Zeit in Maßnahmen wie auch im privaten Umfeld Leute, die einfach selbstverschuldet in der Lage verbleiben in der sie sind.

Ich maße mir an zu sagen, dass ich genug Handicaps hatte. Manche haben immer mehr oder anders schlimme, aber ich meine grundsätzlich "mitreden" zu können was nicht optimale Lebensläufe oder Rahmenbedingungen angeht. Und ich habe es geschafft. Vom moderat-benachteiligten "MiHiGru-Waisen" ohne Perspektive zum Staatsdiener bzw. Vollzeitbeschäftigten über dezente Umwege. Ganz ehrlich? Ein bisschen Stolz bin ich schon das eben wegen der widrigen Umstände erreicht zu haben. Meine Verwandten haben nicht schlecht gestaunt und wären meine Eltern zu dem Zeitpunkt noch da gewesen, wären sie sicher ebenso stolz oder froh gewesen.
Wer weniger 'benachteiligt' ist, von dem erwarte ich, dass er auch den Absprung schafft, wenn er die positive Grundeinstellung mitbringt und weiß wie er sein Ziel erreichen kann - welches Ziel auch immer es im Rahmen des Möglichen sein mag. Arzt werde ich auch nicht mehr, aber ich habe eine gewisse und gute Auswahl selbst wenn ich jetzt meinen Job nicht mehr mögen sollte.

Und wenn es nicht so geklappt hätte? Notfalls hätte ich eben wie im Spoiler / Lebenslauf beschrieben die Callcenter-Stelle genommen wenn ich zeitlich keine Zusage bei meinen Wunschstellen erhalten hätte. Hätte mich von der beruflichen Aktivität aus weiterbeworben. Notfalls wäre ich nach etwas körperlicher Ertüchtigung (zu der Zeit nicht ganz so optimal gewesen) auch von mir aus in die Bundeswehr gegangen - dem war ich nie grundsätzlich abgeneigt - um meinen Lebenslauf auch im Sinne behördlicher oder überhaupt grundsätzlich arbeitnehmertechnischer Verwendung hin aufzubessern. Ach, ich hätte fast jeden zumutbaren Job gewählt wenn sonst nichts hilft um dann eben die Situation zu verbessern.

Ich meine, dass quasi jeder dieses Spektrum an zumutbaren Jobs hat. Mich hätten die bei meiner Statur damals auch nicht auf den Bau geschickt. Aber ein Callcenter war zumutbar, auch wenn es mich nicht reizt Leute anzurufen und ihnen was aufschwatzen zu wollen. Da wäre ich dann lieber beim Service oder so eingesetzt, aber das war damals nun mal die Aussicht beim spezifischen Callcenter. Aber es kam eben die Zusage zu meiner Wunschstelle.

Und was will ich ferner damit sagen? Diese Zusage zur Wunschstelle hat mir niemand in den Schoß gelegt. Niemand ausser ich. Ich musste dafür selbst etwas tun, im Großen und Ganzen. Andere können helfen oder den Weg aufzeigen, aber ich muss ihn am Ende auch gehen, gehen wollen. Ich muss primär selbst schauen wie ich meine Lage bessern kann und ich nutzte die Chancen die zur Verfügung standen. Selbst wenn es mich im Lauf des Lebens schlechter getroffen hätte, ich hätte Schulbildung nachholen können. Es gibt oft verschiedene Wege seine Lage zu bessern - sofern man damit nicht ewig wartet und die Chancen verstreichen lässt.

Der Witz ist, die Maxime "Ich mache irgendwas um meine Lage zu verbessern" gilt immer noch bei mir. Ich bin nun einige Jahre im Job tätig und entschied mich für etwas auf Ausbildungsniveau, obwohl ich Fachhochschulreife habe. Ich habe mich im sogenannten mittleren und gehobenen Dienst parallel beworben obwohl ich eher für den gehobenen Dienst geeignet bin, der meist ein duales Studium voraussetzt oder ansetzt. Aber ich wollte aus dem Bezug und meinen Wünschen näherkommen. Anstatt mindestens wieder ein Jahr oder länger zu warten nahm ich die "niedere" (nicht unbedingt negativ-wertend gemeint) Stelle an weil zum Antritt des dualen Studiums nicht reichte, basierend auf den Testergebnissen und dem Scoring. Scheißegal, Hauptsache guter Job und früh gutes Geld verdienen und zugleich die Perspektive verbessern.

Denn ich peile die höhere Laufbahn perspektivisch an und habe es umso leichter ggü. externen Bewerbern weil ich schon Erfahrung habe und mich aus Arbeit heraus bewerbe. Aber von nichts kommt nichts und manchmal muss ich erst diese Grundlage schaffen. Notfalls über Umwege.

Genau so wie ich das hier schon mal predigte habe ich es gemacht und ich sehe zumindest bei mir, dass ich davon auch profitiere.


Wie gesagt, jeder ist mit unterschiedlichen Rahmenbedingungen konfrontiert, aber ich würde pauschal dazu raten die Energie in die Besserung der eigenen Lage zu stecken, sich umsichtig zu verhalten und vorauszuplanen, notfalls auch nicht optimale Stellen anzunehmen bzw. diese als "Sprungbrett" zu einer Besserung der Lage zu betrachten. Klar, bei manchen mag der Zug abgefahren sein, aber manche sind nicht alle.

Das muss jeder selbst für sich ergründen.


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Der Hartz 4 Thread

16.05.2020 um 14:14
Warden
schrieb:
Andere können helfen oder den Weg aufzeigen, aber ich muss ihn am Ende auch gehen, gehen wollen.
So und nicht anders.


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Der Hartz 4 Thread

16.05.2020 um 16:04
Das Thema Sozialrassismus scheint einfach wenig populàr, um gleich mal einen Einstieg zu finden.
missmary
schrieb:
Der einzige, der hier aggressiv ...
Wem sagst du das? Ich kann schon ein ziemlicher Kotzbrocken sein. Das kommt daher, dass ich ein ziemlich emotionaler Mensch bin. Gerade bei solchen speziellen Themen, ansonsten bin ich eigentlich pflegeleicht... Ich kann Fehler in meiner Argumentation aber auch einsehen und bin jederzeit wieder bereit die Hand zu reichen, wenn ich spuere, dass dafuer der Moment reif ist. Ich habe Erfahrungen gesammelt, welche sehr wahrscheinlich von denen der meisten hier abweichen duerften. So ist das.

Nur sind unterschwellige Aggressionen, welche ich hier haeufig angetroffen habe, auch nicht gerade besser.
missmary
schrieb:
Was erwartest/ wünscht du dir denn von dem Thread?
Darauf bin ich bereits eingegangen. Ich wuensche mir, dass dieser Thread neben einer Diskussion ueber die Rahmenbedingungen, eine Funktion hat, die es Empfaengern ermoeglicht, hier informell oder ueber den Austausch von Informationen, weiter zu kommen. Alle Leistungsempfaenger von Alg II haben gemeinsam, dass sie sich einer Situation befinden, welche staatliche Hilfemassnahmen erfordern, meint, dass der Geldbeutel derart klein ist, dass man es ohne weitere Hilfe nicht mehr selber schafft.
Dazu ein kleiner Einschub, der aber auch ein Nebenschauplatz ist. Ich denke fuer mich, dass der Sozialstaat eh ausgedient hat. Das macht "der Staat" auch sehr klar deutlich. Daher denke ich mir, dass Bedingungen wie in den USA durchaus eine Ueberlegung wert sind. Auch dort gibt es finanzielle Unterstuetzung (Miete, medizinische Grundversorgung...) Daneben eine breite Palette von humanitàren Organisationen, die einen mit Essen, Kleidung, sonstigem versorgen. Ohne Schikane.
Meine Meinung ist, dass ich denke, dass Betroffene besser beraten sind, wenn es von Anfang klar waere, was man zu erwarten hat und man sich gar nicht erst auf hiesige staatliche Hilfen und gesellschaftliche Solidaritaet verlassen muss. Ich denke, das ist alles besser als diese soziale Heuchelei. Und vor allem besser als die nie enden wollenden Debatten ueber angebliche Faulheit auf den Ruecken von Menschen, die in Notlagen sind. Der Sozialstaat ist nur noch Etikette und gaukelt eine Gemeinschaft vor, die es làngst nicht mehr gibt. Wahrer Zusammenhalt funktioniert fast ausnahmslos nur noch auf nationaler Grundlage.
missmary
schrieb:
Wir haben auch Schüler, die, trotz sehr problematischem Hintergrund, das Abi machen und studieren.
Warum ueberrascht mich das nicht? Ich kenne jemand, die mir sehr nahe steht und Lehrerin ist. In einem huebschen Berliner Vorort mit Schuelern aus gutbuergerlichen, privilierten Verhaeltnissen. Die sich uebrigens trotzdem gerne die Nase blutig hauen, allerlei komische Kraeuter rauchen und lieber Party machen, als zu lernen.
Auch dort fallen massenhaft so Sprueche, auch dort klaffen manchmal grosse Loecher zwischen Selbst -und Fremdwahrnehmung. Auch hier schaffen einige das Abi oder den Jahrgang nicht. Ich will darauf hinaus, dass es doch "unsere" Arbeit ist, diese Visionen oder Tràume von jungen Menschen in stabile Bahnen zu bringen. Ich will darauf hinaus, dass man nicht jede Hoffnung, die meist mit intrinsischer Motivation verbunden ist, mit dem Verweis auf Alg II kaputt treten sollte. Mir ist bewusst, dass wir hier nicht zusammenkommen werden...

Ja, das Leben ist kein Ponyhof... Davon koennen viele ein Lied singen. Aber ist die positive Aufloesung dieser Phrase wirklich nur darauf begrenzt, es selber zu packen? "Ay Digga, schau mich an, ich habe es geschafft, trotz Krassheit! Und du? Wirst krank oder kommst nicht mehr klar." Und jetzt! Genau an diesem Punkt spielt die Ungleichheit der Chancen eine zentrale Rolle. Der eine hat ein dickeres Fell und vllt ein paar Ressourcen mehr als die oder der andere. Fuer mich ist es selbstverstaendlich, dass ich an so einem Punkt aus Ueberzeugung und Verstaendnis heraus, nicht meine eigenen Ueberlebenskaempfe in dieser Gesellschaft als Gradmesser fuer andere hilfebeduerftige Menschen verallgemeinere. Ich will euch nicht ans Bein pinkeln, aber solche haltlosen Uebertragungen halte ich fuer eine Bankrotterklaerung in Sachen solidarische Gesellschaft. Versucht doch stattdessen mal eure eigenen erfolgreichen Kaempfe zu geniessen und nicht reflexhaft auf andere zu uebertragen! Genau da setzt Empathie an. Nicht zu uebertragen, sondern sich in die andere Person hineinzufuehlen und diese dort mitzunehmen, wo sie gerade steht. Ihr aber unterstellt fast jeder Person, die scheitert, eine Mitverantwortung. Auch ist das ist ein Punkt, an dem es hier keinen Konsens geben wird.

Diskriminierung_Arbeitsloser

Sorry @Warden, sorry @chriseba. Ich habe eure Kommentare gelesen und lasse sie so stehen. Ich habe die Zeilen davor nur eben "stop and go" geschrieben und bin selbst alles andere als zufrieden damit. Ich habe jetzt mit der "neuen" beruflichen Normalitaet nach Corona (hoffentlich) einfach zu wenig Zeit um treffend und genau darauf einzugehen, obwohl ich so viele Gedanken dazu habe. Ich ziehe mich an dieser Stelle aus der Diskussion vorerst zurueck. Mit einem Teil von euch wuerde ich das lieber in einer Kneipe diskutieren. Das waere soviel einfacher und wuerde nicht in einem
Warden
schrieb:
"Zitatwald"
enden.

Vllt gibt es hier auch bald die Moeglicheit einer Live-Video-Diskussion...


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Der Hartz 4 Thread

16.05.2020 um 16:25
MokaEfti
schrieb:
Mit einem Teil von euch wuerde ich das lieber in einer Kneipe diskutieren. Das waere soviel einfacher und wuerde nicht in einem

Warden schrieb:
"Zitatwald"

enden.
Das ist verständlich. Rein schriftliche Diskussion ohne Mimik, Gestik, Intonation und "Nähe" ist halt manchmal mit Tücken behaftet oder führt abstrakt auch halt in Unverständnis, Irritation, Feindseeligkeit wo wir z.B. in der Kneipe bei nem Bier (oder Wasser :) ) vielleicht die Stirn runzeln würden aber in lockerer Atmosphäre irgendwie den normalen Austuasch beibehalten. Kurzum: Man begegnet sich anders. Naja, vermutlich. Manche würden ggf. auch irgendwann wutentbrannt gehen oder aufeinander einschlagen.

Aber das ist abstrakt, wir haben ja vornehmlich nur dieses Forum :)

Ansonsten kurz zum Rest deines Postes, ganz ohne Zitate. Wenn du übrigens aussteigen willst aus der Debatte, dann fühl dich nicht zwingend genötigt zu antworten, dann ist es halt mehr für andere die hier mitlesen interessant.

Ich teile nicht ganz deine Ansichten zum Sozialstaat. Ich zumindest habe es in meiner Zeit anders wahrgenommen. Hat man ein "Stigma" empfunden? Ja, schon, aber primär selbst auferlegt (in meinem Falle), weniger von anderen aufgezwungen. Der Schuh, den man sich anzieht. Aber niemand hat in der Regel überall wo er hingeht auf der Stirn oder am Arm "HARTZ IV" stehen. Und in Maßnahmen begegneten einem Dozenten / Coaches aus unterschiedlichster Richtung - die ja nun mal keine Bezieher sind - offen wenn man auch erkennen ließ, dass man ein kluges / fleißiges Kerlchen / Mädchen ist bzw. nicht dem unwilligen Negativklischee entspricht. So zumindest meine Erfahrung. Dazu Einrichtungen wie die Tafel, etc. pp. Oder auch eine Form der Selbsthilfe.

Erneut: ich sage nicht es ist immer einfach. Manche haben es einfacher, manche schwerer. Aber ich empfand kein direkt auferlegtes Stigma und kam mit dem Geld klar. Ich war (oder bin, sozusagen) Vollwaise und bekam eine Rente, das wurde aber alles irgendwie miteinander verrechnet sodass ich am Ende mit hoher Sicherheit quasi auch auf den H4-Satz kam. Ich bekam da weniger und das Geld über die Rentenkasse, was im Endeffekt aber aufs gleiche hinaus kam - das Geld kam nur aus einem anderen Topf. Ich kam damit aus, rauchte und trank aber auch nicht massiv in meinem Einzelhaushalt. Man sagt ja, dass Studenten, so sie nicht im dualen Studium sind oder groß Bafög kriegen noch widrigere Bedingungen haben :)


Ansonsten ferner zum Abschnitt über deinem Link zur Diskriminierung Arbeitsloser: Ich sehe das ganz vereinfacht subsumiert eher so: Manchmal hilft ein guter Arschtritt. Sinngemäß. Ich erkenne ja an, dass nicht jeder 'es' schafft, wie auch immer man 'es' definieren will. Und ja, ich bin froh 'es' geschafft zu haben - bei widrigen Bedingungen. Unzählige Absagen trotz guter Bemühungen und guter Anschreiben signalisieren mir zumindest widrige Bedingungen wenn das Abschlusszeugnis mittelmäßig ist und ein Fach mit schlechter Note nochmal Signalwirkung beim Personaler entfaltet - im negativen Sinne. Aber gerade dann weil ich gewisse (und natürlich nicht alle) Formen der suboptimalen Bedingungen erlebt habe will ich quasi mit dem großen Slogan "Arsch hoch!" andere dazu animieren, die positive Grundeinstellung zu stärken, daraus Kraft zu schöpfen und die Dinge mental neu zu betrachten und ggf. anders anzugehen.

Das ist wie Sport. Ich wollte früher eigentlich immer irgendwas 'toughes' machen. Feuerwehrmann, Polizist, Soldat werden. Aber ich war nie dafür gebaut und durch die Schicksalsschläge ein Hungerhaken. So war es keine Verwunderung dass ich bei der Musterung auch mit T5 ausgemustert wurde, weil zu leicht. Ich betrieb auch keinen Sport. Der Schulsport war auch irgendwann vorbei. Ich glaube ich habe einfach lange zu wenig gegessen oder durch schlechte Psyche nie wirklich was auf die Rippen gekriegt. Das besserte sich erst, als ich 2-3 Jahre Ausbildung und Arbeit genoss und sich meine Lebenslage wie auch sicherlich Psyche insgesamt verbesserte. Ich habe wirklich erst vor kurzen auch nach Jahren im Beruf damit angefangen nachdem ich andere Baustellen abgeschlossen habe.

Was will ich damit sagen? Ich werde nicht fitter, wenn ich keinen Sport betreibe. Es mag mein Ziel oder Wunsch sein, fitter zu werden, aber dann muss ich das auch aktiv angehen. Ähnlich verhält es sich halt mit dem Berufsantritt aus der Arbeitslosigkeit heraus.

Oft zwingt mich keiner zu meinem Glück, ich muss es selbst angehen oder Wege finden, in die Lage zu kommen es selbst angehen zu können. Manchmal muss man halt mental dahinkommen etwas ändern zu wollen ehe es geht. Und daher hier eben öfters der mentale Arschtritt für Leute als Quell der Motivation, die Dinge zu überdenken und ggf. anders anzugehen.

Um den mal wieder längeren Post abzuschließen: Meine Intention ist es eigentlich nicht, auf irgendwen nach unten nachzutreten - gerade weil ich es auch irgendwie selbst erlebt habe. Ich will vielmehr bei anderen Motivation generieren damit sie selbst dem Ziel näherkommen und Glück oder Selbstverwirklichung erreichen. Denn das ist viel besser als das Restleben oder weite Teile davon in Missmut oder sonstigen Problemen zu verbringen.

Ich bin jetzt wirklich relativ zufrieden - musste aber dafür am Ball bleiben und was tun. Vielleicht schafft es nicht jeder - aber man muss es zumindest probieren.


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Der Hartz 4 Thread

16.05.2020 um 20:02
MokaEfti
schrieb:
Daher denke ich mir, dass Bedingungen wie in den USA durchaus eine Ueberlegung wert sind. Auch dort gibt es finanzielle Unterstuetzung (Miete, medizinische Grundversorgung...) Daneben eine breite Palette von humanitàren Organisationen, die einen mit Essen, Kleidung, sonstigem versorgen. Ohne Schikane.
Ich weiß nicht, wo du da deine Infos her hast. Ich habe das völlig anders erlebt: Wir hatten Bekannte in den USA, als sie an Krebs erkrankt ist, das aber in ihrer rudimentären Krankenversicherung nicht enthalten war - da wurde jede Chemo privat abgerechnet - am Ende hat sie die Behandlung abgebrochen, da sie wusste, dass es ihr Leben nur verlängern würde und sie ihrem Mann und ihren vier Kindern mehr Schulden aufhalst. Es war eine völlig pragmatische Entscheidung. Aus dem Grund ist sie dann auch daheim gestorben, obwohl ein Palliativzentrum sicher kein Fehler gewesen wäre. Auch das ist ein Gesicht der USA für dich.

Ein weiteres ist die Kündigung von Wohnraum - schuldest du Miete, kommt umgehend die "eviction". Im Boom, wenn auf dem Markt mehr Miete zu erzielen war, folgten die "no-fault evictions". Du bist in den USA schneller obdachlos, als du denkst - besonders betroffen sind die Armen - wen wundert es. Genauso das Einkaufen mit "food stamps". Eben oben beschriebene Bekannte bekam in einer Schieflage für die Food stamps genau zugeteilt, wie viel Milch, Käse etc. sie bekam. Da war nichts mit freier Entscheidung. Auch bei den Hilfsorganisationen herrschte große Willkür, nicht jeder bekam das gleiche, da der Lebensentwurf mit bewertet wurde.

Die USA sind viel, aber nicht gnädig zu den Leuten, die auf der falschen Seite des Lebens stehen ...
MokaEfti
schrieb:
Ich denke fuer mich, dass der Sozialstaat eh ausgedient hat.
Was schlägst du außerhalb des Sozialstaates vor? Ich persönlich finde den Sozialstaat eine der größten Errungenschaften, die dieses Land hat. Er hilft, einen bestimmten, wenngleich niedrigen, Lebensstandard zu sichern. Er bewahrt Menschen vor Hunger, Obdachlosigkeit, medizinischen Katastrophen.

Natürlich bist du finanziell eingeschränkt - ich habe drei Kinder und einen Mann, der im Eventbereich tätig ist (heißes Pflaster, mal finanziell der Himmel, dann monatelang die Hölle). Wir wurden vor ein paar Jahren wegen Eigenbedarf vor die Tür gesetzt und haben -mehr aus Verzweiflung- eine Immobilie gekauft - für die nächsten zwei Jahre wurde auch jeder Euro umgedreht, jede Klassenfahrt war eine neue finanzielle Herausforderung.
MokaEfti
schrieb:
Ich will darauf hinaus, dass man nicht jede Hoffnung, die meist mit intrinsischer Motivation verbunden ist, mit dem Verweis auf Alg II kaputt treten sollte. Mir ist bewusst, dass wir hier nicht zusammenkommen werden...
Was meinst du genau damit? Ich finde, intrinsische Motiviation kommt von innen und kann nicht erst mal nicht kaputt gemacht werden, wenn du ein klares Ziel hast.

Mein Lebensweg war auch nicht geradlinig. Ich bin mit 16 wegen einer sehr problematischen Familienkostellation von daheim ausgezogen und habe eine Ausbildung gemacht, aber immer vom Abi und einem Studium geträumt. Die Unterhaltspflicht meiner Eltern war mit der Ausbildung beendet, das wurde von ihnen auch klar kommuniziert und wir hatten fast ein Jahrzehnt kaum mehr Kontakt. Mein Vater hat mir das Kindergeld überwiesen. In manchen Monaten sehr spät, einfach, um ein Machtspielchen zu spielen. Ich mochte die Ausbildung nicht, habe sie aber trotzdem fertig gemacht, damit ich überhaupt was hatte, falls Plan B scheiterte. Mein Freund hat mich dann noch verlassen und ich war echt allein und beschloss - ich ziehe das nun irgendwie durch.

Während des Abis bzw. meiner Gymnasialzeit habe ich glücklicherweise elternunabhängiges Schülerbafög bezogen, es war Rezession, es gab keinen Mindestlohn - das Bafög hat knapp für alle laufenden Kosten gereicht (Miete, Strom) - ich bin morgens in die Schule gelaufen, weil ich keine finanzielle Möglichkeit für eine Schülerbusfahrkarte hatte und habe mich permenent beworben und auch temporäre Jobs bekommen, aber nichts so Festes oder Regelmäßiges. Es war so knapp, dass ich auch für Kleinigkeiten froh war - z.B. hatte ich jeden Samstagabend einen Babysitterjob bei einer reichen Familie, denen es wichtig war, dass ich mit den Kindern zusammen Abend aß, während sie sich fertigmachten. Das war Paradies - es war unglaublich, was die alles in ihrem Kühlschrank hatten.

Im Studium war es dann echt heftig, da ich finanziell auf mich alleine gestellt war - uns es war keine schöne Zeit. Semesterweise habe ich nur überlebt, indem ich nur einmal täglich was gegessen habe - als eine der Strategien. Licht am Ende des Tunnels war immer, dass ich mich nach Studienabschluss finanziell selbst an den Haaren aus dem Sumpf ziehen konnte. Das klappte glücklicherweise. Das war auch mein Ziel. Ich wusste, ich muss das ohne Umwege oder Urlaubssemester durchziehen.

Da waren große Moment des Zweifels dabei. Das Gefühl, nicht durchhalten zu können. Das Gefühl, dass ich es einfach nicht verdient habe, dazuzugehören. Der Frust, wenn man 8km im Regen nach Hause lief, weil man in der Unibibliothek der Partneruni ein Buch holen musste und kein Geld für die S-Bahn hatte, die im 30 Minutentakt fröhlich an einem vorbeifuhr. Der Frust, dass es Mitstudenten an nichts fehlte und die ein Auslandssemester in New York machten, während ich keine Möglichkeit hatte, eine S-Bahn Fahrt von 8km zu finanzieren. Ein kleines, 12qm Kellerzimmer neben dem Friedhof, neben der S-Bahn, die quietschte, in dem ich am Wochenende manchmal 24 Stunden saß, weil ich nirgends anders hinkonnte ... Es hätte viele Gründe gegeben, aufzuhören. Es gab viele schwarze Momente.

Ich kenne durchaus auch die Wut und die Verzweiflung, wenn man sich hilflos einen System unterordnen muss und das Gefühl hat, dass das System mit einem spielt. Ich habe mein Geld in einem Restaurant/Hotel verdient, das regelmäßig bei der Stundenabrechnung geschummelt hat und ich konnte mich nicht wehren, weil ich den Job gebraucht habe, er war meine lifeline und das wurde schamlos ausgenutzt. Er war Fluch (Betrug, niedriges Gehalt, da damals kein Stundenlohn) und Segen (Einkommensquelle, man bekam pro Schicht ein kostenfreies Essen).

Heute bin ich mir selbst dankbar, dass ich praktisch jede Chance, die ich bekommen habe, auch genutzt habe. Dieses Studium war meine Chance, mich beruflich so zu qualifizieren, dass ich heute in festen finanziellen Verhältnissen lebe. Es gab nur eine Chance. Ich musste da an mich selbst glauben. In dem Hotel, wo ich alles machte - von der Rezeption bis zum Zimmermädchen gab es niemanden, der mir sagte "hej, du bist für den Job überqualifiziert". Da gab es eine Vorarbeiterin, deren Job es war, die Quote einzuhalten. Was du in deiner Freizeit machtest, war ihr völlig egal. Dein Leben außerhalb des Jobs war ihr egal.
MokaEfti
schrieb:
Versucht doch stattdessen mal eure eigenen erfolgreichen Kaempfe zu geniessen und nicht reflexhaft auf andere zu uebertragen! Genau da setzt Empathie an.
Ja und nein. Ich finde, es ist einfacher vor sich selbst, wenn man die Verantwortung auf jemanden anders schiebt bzw. schieben kann. Ich hätte auch aufhören können, weil meine Gesamtumstände es gerechtfertigt hätten (die Finanzierung war so schräg, dass über Jahre war wirklich ein wahnsinniger Stressfaktor).

In meinen Unijahren habe ich festgestellt, dass man in seiner Bedürftigkeit übersehen wird. Ich kann mir vorstellen, dass das auch in anderen Bereichen so ist. Ich habe die Armut auch sehr gut versteckt. Die paar Male, wo ich versucht habe, Hilfe zu bekommen (z.B. bei einer Tafel) wurde ich abgewiesen, weil ich keine Sozialhilfe etc. bekam. Ich kann mich noch gut an die Szene erinnern - ich hatte mich durchgerungen und es hätte echt geholfen, wenn ich einmalig ein bisschen Reis und Gemüse bekommen hätte. Die Frau an der Essensausgabe schaute mich an und sagte "nö, fangen wir gar nicht an! Keine Sozialhilfe, keine Hilfe.". Fertig.

Ich war auf mich allein gestellt. Das tat weh und hat auch große Ängste ausgelöst. Ich hatte ja auch keine Eltern, die ich anrufen konnte und bitten, mal einen Hunderter rüberzuschieben. Jeder Cent musste vernünftig ausgegeben werden und immer war die große Angst da, dass Studiengebühren eingeführt werden, dass eine große Nachzahlung kommt, dass ein teures Buch angeschafft werden muss, dass mein Fahrrad wieder geklaut wird.

Mir war aber klar, dass das Studium eine einmalige Chance auf ein besseres Leben war. Alles Geld, was ich investierte, war für das Studium. Und nur für das Studium. Ich war in meiner Studienzeit ca. dreimal weg, nicht weil ich es nicht anders wollte, sondern, weil kein Budget da war. War ich extrem pleite und hungrig, hatte ich immer eine Packung Notfallspaghetti für 40 Cent im Schrank und machte von Frühling - Herbst mit dem Unkraut Giersch ein Pesto und aß das dann. Mitunter tagelang. Mein Mantra war, dass ich beschlossen hatte, nicht aufzugeben. Und es ging auch immer irgendwie weiter. Ich kann mich durchaus an Momente erinnern, wo ich wütend war: auf meine Eltern, die in einer finanziellen Position waren, dass sie mich hätten unterstützen können, es aber nicht machten, auf die Welt, in die ich hineingeboren wurde, auf meinen Hotelarbeitgeber, der mich so schamlos ausnutzte, weil er wusste, ich konnte mich nicht wehren. Ich kann das nachvollziehen.

Dennoch: Der Schlüssel liegt in einem selbst. Davon bin ich überzeugt. Es gibt in diesem Land Chancen für alle - für die einen mehr, für die anderen weniger. Aber es gibt Chancen.


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Der Hartz 4 Thread

05.06.2020 um 09:37
https://www.tagesschau.de/inland/konjunkturpaket-115.html
. Familien bekommen mehr Geld. Geplant ist ein einmaliger Kinderbonus von 300 Euro pro Kind für jedes kindergeldberechtigte Kind. Der Bonus muss versteuert werden, er wird aber nicht auf die Grundsicherung angerechnet.
Dieser Punkt ist grundsätzlich zu beforworten. Jedoch wäre eine grundsätzliche Anhebung des Regelsatzes sinnvoller und zielführend gewesen.

Ich bleibe da jedoch bei Ulrich Schneider, der auch eine pauschale Erhöhung um 100 Euro befürwortet.
https://twitter.com/UlrichSchneider/status/1268592932489224192?s=19


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Der Hartz 4 Thread

06.06.2020 um 16:40
@capspauldin
Du kennst dich doch mit Hartz 4 sehr gut aus. Da habe ich dann gleich noch mal eine Frage.
Bekommt jeder Hartz 4 Empfänger eine Versicherungspauschale von 30 Euro?
Muss man diese Pauschale beantragen? Was braucht es für Voraussetzungen dafür?
Oder muss man Einkünfte haben wie zB einen Minijob?


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Der Hartz 4 Thread

06.06.2020 um 17:55
MATULINE
schrieb:
Bekommt jeder Hartz 4 Empfänger eine Versicherungspauschale von 30 Euro?
Schön wärs ;)
Die bekommt man nicht, das ist nur eine rechnerische Größe, wenn z.B. das Einkommen was man hat, gegen den Hartz4-Satz aufgerechnet werden soll.
MATULINE
schrieb:
Oder muss man Einkünfte haben wie zB einen Minijob?
ja, um sowas geht es dabei, aber wie gesagt, man bekommt da nichts, sondern das ist so ähnlich wie mit den Werbungskosten bezüglich der Steuer.


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Der Hartz 4 Thread

06.06.2020 um 19:32
@MATULINE

Zwar nicht mein Fachgebiet, jedoch ist es wie @Optimist
schreibt.

Die 30 Euro sind ein pauschalierter Betrag welche in der Freigrenze enthalten sind. Es sind keine 30 Euro die noch "on top" dazu kommen.


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