Air DefenderAuf Steam gibt es eine Early Access Simulation, die sich mit der militärischen Luftraumverteidigung von Großbritannien beschäftigt im Jahr 1998. Dieses Spiel wird von Personen entwickelt die zu jener Zeit als Master Radarcontroller in Buchan, tief unter der Erde in einem Bunker, ihren Dienst geleistet haben. Zu ihren Hauptaufgaben zählte es den gesamten Luftraum von Großbritannien zu überwachen und zu verteidigen. Den Entwicklern ist es wichtig, dass man dieses Spiel nicht als "Spiel" interpretiert, sondern als Simulation. Die Entwickler weisen außerdem darauf hin, dass "Air Defender" in enger Absprache mit dem britischen MOD entwickelt wird. Es ist also für jedes Feature im Spiel eine vorherige Genehmigung des MOD's nötig.
In dem Spiel übernimmt man selbst die Rolle eines Master Radarcontrollers. Man starrt dabei die ganze Zeit auf einen Radarbildschirm der ALLE Luftfahrzeugkontakte abbildet die sich im Luftraum von Großbritannien bewegen. Die Kernaufgaben bestehen darin sicherzustellen das alle zivilen Luftfahrzeuge ihren Flugplänen folgen. Man muss sicherzustellen das alle militärischen Luftfahrzeuge das tun was befohlen wurde. Man sorgt für die koordinierte Umgruppierung und der taktischen Versorgung aller militärischen Assets, und man plant die Überwachung und Verteidigung des gesamten Luftraums mit Hilfe militärischer Assets auf strategischer und taktischer Ebene.
Dafür bekommt man einen Haufen Werkzeuge an die Hand. Eines dieser Werkzeuge ist die Kommunikation mit den Assets auf den Luftbasen und den Assets in der Luft. Abfangjäger stehen bereit für Alarmstarts, Tanker können eingesetzt werden um Abfangjäger in der Luft zu betanken, und AWACS können eingesetzt werden um die Radarerfassung zu erweitern. Als ich davon Kenntnis erlangte, dass es so ein Spiel gibt, habe ich sofort zugegriffen um zumindest einen gewissen Eindruck davon zu bekommen wie militärische Luftraumüberwachung in etwa funktioniert, und ich muss sagen, ich hatte bislang ein ziemlich falsches Bild von dieser Materie.
Im Hinblick auf unseren Fall hier, müssen wir immer wieder unterscheiden zwischen sekundärer und primärer Radarerfassung.
Ab 17:21 UTC sendete MH370 keine Transponderinformationen mehr und wurde deshalb nur noch zu einem "Radarblip" auf den Radarbildschirmen der zivilen Luftraumüberwachung. Nach allem was wir wissen, hatte das ATCC in Kuala Lumpur keine Möglichkeit mehr MH370 zu orten nach 17:21 UTC. Der Grund war, dass das ATCC keinen Zugriff hatte auf Primärradar-Assets.
Als Master Radarcontroller im Jahr 1998 war man die meiste Zeit damit beschäftigt Flight-ID´s und Squawk-Codes von zivilen Luftfahrzeugen abzugleichen mit den dazugehörigen Flugplänen. Davon gab es jeden Tag etliche tausende. Falls einer dieser Luftfahrzeuge ein ungewöhnliches Verhalten zeigen sollte, z.b. indem das Luftfahrzeug ohne ID und/oder Squawk-Code unterwegs ist, das Luftfahrzeug sich nicht entlang von Flugstraßen bewegt, oder der im Flugplan eingetragene Flugzeugtyp nicht in Verbindung gebracht werden kann mit dessen Flugfähigkeiten (z.b. eine Cessna die sich mit 500kts bewegt auf FL400), dann setzen die Master Radarcontroller eine Prozedur in Gang die wie folgt abläuft :
1.) Der Master Radarcontroller schaut auf den Flugplan und sieht von wo das Luftfahrzeug gestartet ist, und wo das Luftfahrzeug hin will. Mit Hilfe dieser Informationen kontaktiert der Controller auf einer Direktleitung den Flughafen von wo aus dieses Luftfahrzeug gestartet ist. Dabei wird gefragt ob das alles so seine Richtigkeit hat was da vor sich geht. Denn möglicherweise liegt ja nur ein Fehler vor im Flugplan selbst. Die zivile Bodenkontrolle checkt das dann auch, und wenn der zivile Radaroperator zu dem Schluss kommt, dass tatsächlich etwas nicht stimmt, dann folgt....
2.) Eine Klassifizierung des Radarkontakts. In Großbritannien im Jahr 1998 gab es dafür 7 Klassifizierungen
- (P) : Pending : Der Master Radarcontroller interessiert sich für einen Radarkontakt aus mehreren Gründen, leitet aber noch keine Prozedur ein
- (A) : Acknowledged : Der Master Radarcontroller sieht keine Auffälligkeiten. Alles ist wie es sein soll
- (U) : Unknown : Der Master Radarcontroller kann den Radarkontakt nicht zusammenbringen mit dem Flugplan oder dem Verhalten des Kontakts. Bei dieser Klassifizierungsstufe wird der zuständige Flughafen kontaktiert.
- (X) : X-Ray : Der Master Radarcontroller und der Flughafen finden keine Antworten. Es müssen Abfangjäger aufsteigen um die Sache zu klären - QRA
- (S) : Suspect : Der Master Radarcontroller ist sicher, hier stimmt was absolut nicht. Nichts ist wie es scheint - QRA.
- (H) : Hostile : Der Kontakt verhält sich feindlich. Diese Klassifizierung wurde in der Friedenszeit nicht verwendet
- (Z) : Zombie : Der Kontakt ist zum Abschuss freigegeben
3.) Der Master Radarcontroller löst auf Grundlage einer entsprechenden Klassifizierung einen QRA (Quick Reaction Alert) aus. Er kontaktiert dafür die nächstgelegene Luftwaffenbasis die dem Ziel am Günstigsten liegt, und auf der Abfangjäger genau für diese Art von Mission bereit stehen. Im Jahr 1998 lag die Reaktionszeit zwischen QRA-Befehl und Take-Off der Abfangjäger bei rund 3:30 Minuten. Dabei kamen im britischen Luftraum in dieser Zeit F3-Phantom-Jäger zum Einsatz die als Paare starteten (Leader und Wingman) mit einer Standardbewaffnung von jeweils 6 Luft-Luft-Raketen und 2500 Schuss Munition.
4.) Nachdem die Abfangjäger gestartet sind wird ein Abfangkurs in ihre Bordcomputer übermittelt. Das geschah computerunterstützt und somit vollautomatisch. Auf ihrem Weg zum Ziel verwendeten die F3's den Nachbrenner der die Jäger auf eine Geschwindigkeit brachte bis 1200 kts (ca. Mach 2.1, Überschall).
5.) Sobald die Abfangjäger ihr Ziel erreichen setzen sie sich hinter das zu identifizierende Luftfahrzeug und melden an den Master Radarcontroller was sie sehen.
6.) Der Master Radarcontroller übergibt das Kommando an den Leader der Jägergruppe (Sortie) indem er den Befehl "JUDY" erteilt. Durch diesen Befehl erhält der Leader des Sorties die vollste Kontrolle über die Situation und muss von nun an auch nicht mehr Rückfragen was er machen soll. Er hat volle Befehlsgewalt. Im Jahr 1998 befolgten alle Kampfpiloten ein festes Protokoll den britischen Verteidigungsministeriums wie man bei einem "JUDY"-Befehl vorzugehen hat.
a.) Kontaktaufnahme mit dem Piloten über Funk. Dabei werden standardisierte Funkmitteilungen übermittelt auf Grundlage des Protokolls vom britischen MOD in solchen Fällen.
b.) Show of Presence : Der Leader setzt sich neben oder vor das Luftfahrzeug und macht sich dadurch klar bemerkbar
c.) Show of Force : Der Leader dreht seinen Kampfjet in einen bestimmten Winkel damit der Pilot des Luftfahrzeugs die Bewaffnung klar sehen kann
d.) Sind die Piloten klar zu erkennen und bewegen sich, machen jedoch keinerlei Anstalten auf den Leader zu reagieren, dann ist der Leader autorisiert das Luftfahrzeug abzuschießen. Es gab keinen einzigen Fall der so eine Maßnahme nötig machte.
e.) Sind die Piloten nicht zu erkennen, oder sie bewegen sich nicht, und es sich dabei sehr wahrscheinlich um einen Geisterflug handeln sollte, dann sind die Piloten ebenfalls autorisiert das Luftfahrzeug abzuschießen. Hierbei findet jedoch vorher weitere Kommunikation statt mit dem Master Radarcontroller hinsichtlich des besten Zeitpunkts des Abschusses. In diesem Fall gibt der Leader seinen "JUDY"-Befehl wieder ab, und der Master Radarcontroller übernimmt das Kommando. Der Leader bekommt stattdessen den "ESCORT"-Befehl. Begleiten, beobachten, melden, und auf weitere Befehle warten.
Soviel zu der Standardprozedur im britischen Luftraum von 1998 wenn einem Master Radarcontroller etwas nicht gefiel.
Doch wie ist das alles mit dem Fall MH370 zu verbinden ? Wir alle wissen nur zu gut, dass es bis heute keine Aufzeichnungen darüber gibt, dass das ATCC in Kuala Lumpur jemals in Kontakt stand mit der militärischen Luftraumüberwachung. Aus der Factual Information können wir sehr klar die Information entnehmen, dass das ATCC nicht die geringste Ahnung hatte wo sich MH370 befindet. Das ATCC hätte dieses Problem aber leicht lösen können wenn sie Kontakt gehabt hätten zur militärischen Luftraumüberwachung. Ich ging bis vor ein paar Wochen jahrelang davon aus, dass auch das Militär es bis zu einem gewissen Grad schwer haben sollte wenn es um die Identifizierung von Radar-"Blips" geht. Doch das ist überhaupt nicht der Fall. Das Militär weiß sofort ob etwas stimmt oder nicht stimmt, auch wenn es sich dabei um einen quasi seelenlosen "Blip" handeln sollte. Sogar bei einem "Blip" unter tausenden ist das alles kein Problem.
Wie identifiziert das Militär überhaupt "Blips" ? Wann ist ein "Blip" einfach nur ein ganz normaler "Blip", und wann ist ein "Blip" alles andere als normal ? Der Schlüssel für dieses Problem liegt, wie bereits erwähnt, in dem Vorhandensein eines Flugplans für diesen "Blip". Ist ein Flugplan vorhanden, und sendet das Luftfahrzeug ordnungsgemäß Transponderdaten, denn ist dieser Kontakt für das Militär kein "Blip", sondern ein klassifizierbares Luftfahrzeug. Das Radarsystem kategorisiert diesen Kontakt dann auch vollautomatisch entsprechend mit Hilfe eines standardisierten Symbols.
Wie das aussieht zeigen nachfolgende Screenshots :
In der Simulation "Air Defender" wird das Lagebild bislang nur vereinfacht dargestellt anhand einer starken Reduzierung der Radarkontakte. Das geschieht zum einen aus Performancegründen und auch um das Handling zu vereinfachen, denn in der Realität saß schließlich nicht nur ein Master Radarcontroller im Bunker und überwachte den gesamten britischen Luftraum.

Im nachfolgenden Screenshot sieht der Master Radarcontroller eine Boeing 737-300 die sich entlang der Luftstraße UL612 bewegt, mit dem Callsign TAP483 auf Flugfläche FL310, einer Geschwindigkeit von 469kts, der systeminternen ID 0020, und dem Mode S 2212. Das Symbol "P" bedeutet : Dieser Kontakt ist (P) für Pending. Dieser Kontakt muss also noch klassifiziert werden. Die ganzen Informationen erscheinen in GRÜN. Das heißt, das System geht automatisch davon aus, dass dieses Luftfahrzeug einen Flugplan besitzt und sich auch entsprechend des Flugplans verhält. Zumindest in dieser Momentaufnahme.
Rechts von diesem Kontakt befindet sich ein Luftfahrzeug das sich als eine Boeing 767-300F identifiziert, Callsign UPS479, Flugfläche 310, Geschwindigkeit 266kts, systeminterne ID 037, Mode S 2273. Mit diesem Radarkontakt hat das System ein Problem, denn es ist zwar ein Flugplan vorhanden, und auch sonst stimmt alles, aber dieser Radarkontakt befindet sich nicht auf einer Luftstraße, und scheint "Querbeet" durch den Approach/Departure-Sektor von EGLL (London Heathrow) zu fliegen mit einer viel zu niedrigen Geschwindigkeit für diese Flugfläche. Das System macht durch diese GELBEN Informationen den Master Controller darauf aufmerksam da mal genauer hinzuschauen. Das gleiche gilt auch für EZE446. Das muss nichts außergewöhnliches bedeuten, aber es kann, sofern sich dieses Verhalten fortsetzt. Auch dieser Kontakt steht auf "P" und wartet auf eine entsprechende Klassifizierung.

Im nachfolgenden Screenshot sieht man ein Bild in dem der Master Radarcontroller alle ID-Informationen von zivilen Luftfahrzeugen weggefiltert hat. Alle zivilen Luftfahrzeuge die Transponderinformationen senden, werden als grüne kleine Kreise dargestellt die einen Track hinter sich herziehen. Dabei handelt sich um Primärradar-Tracks. Außerdem zu sehen sind zwei F3-Phantom-Fighter deren Symbole mit einem "I" (Interceptors) dargestellt werden.

Das waren Beispiele wie es aussieht wenn Luftfahrzeuge Transpondersignale senden, und wie man damit umgeht. Doch wie sieht die Sache aus, wenn ein Pilot entscheiden sollte den Transponder abzustellen ?
Im nachfolgenden Screenshot sieht man 3 Radarkontakte die vom Primärradar erfasst wurden, die keine Transpondersignale senden, keinen Flugplan besitzen, und eine Radarsignatur aufweisen die dem britischen Militär bekannt ist. Es handelt sich dabei um TU-95 Bears - 3 russische Bomber die versuchen in den britischen Luftraum einzudringen (hier dargestellt als WEISSE zusammenhängende Linien die die Grenze des zivilen britischen Luftraums darstellen, FIR). Diese Kontakte werden nun vom Master Radarcontroller entsprechend klassifiziert. Da sich Großbritannien in Friedenszeiten befindet mit Russland zu diesem Zeitpunkt wird er diese Kontakte mit einem "S" (Suspect) klassifizieren. Ein QRA wird daraufhin ausgelöst um diesen Kontakten entgegen zu fliegen.
Darüber hinaus sieht man viele grüne kleine Punkte die sich in der Umgebung dieser Primärradarkontakte befinden. Der Master Radarcontroller hat den Radarmodus auf maximale Auflösung gestellt und blickt jetzt sehr tief in diese Situation hinein. Hierbei wurden alle Radarfilter entfernt. Die Radarstation erfasst jetzt alles was Radarstrahlen reflektiert, so geringfügig sie auch sein mögen. Und das ist eine ganze Menge in der Umgebung. Wolken, Vögel, Wasser, Eis, atmosphärische Reflexionen aller werden jetzt erfasst. In diesem ganzen Durcheinander ("Clutter") war das System jedoch in der Lage diese Kontakte zu bestimmen, aber vielleicht ist da noch mehr was das System nicht gesehen hat.
Randnotiz : Sollte es passieren, dass diese primären Radarkontakte plötzlich verschwinden, dann kann der Master Radarcontroller sein Radar auf elektronische Kriegsführung umstellen. In dem Fall hört das Radar auf die Objekte mit Radarstrahlen zu bestrahlen, und geht stattdessen in den "Lausch-"-Modus mit dem Ziel Strahlen zu finden die von den Objekten ausgehen, und das sind eine ganze Menge wenn diese Kontakte versuchen das Radar zu "jammen".

Sofern die malaysische Luftüberwachung nicht völlig gepennt haben sollte, oder gar überhaupt nicht in Einsatzbereitschaft war, dann besteht für mich nicht länger auch nur der geringste Zweifel daran, dass das malaysische Militär MH370 super einfach identifizieren und klassifizieren konnte. Auch völlig ohne Transpondersignale. Jeder der sich hinstellt und meint : Hey, dass waren "Blips". Das hätte alles mögliche sein können, verkennt hier die Situation und die Möglichkeiten über die das Militär verfügt völlig. Mir kann außerdem niemand erzählen, dass das malaysische Militär keine Radarsignatur gespeichert hatte in ihrem System, dass MH370 zweifelsfrei als eine Boeing-777-200ER identifiziert hätte. Ich gehe fest davon aus, das sowas zu einem absoluten Standardverfahren zählt, denn im Zweifelsfrei ist es immer hilfreich Signaturen zu identifizieren.