Ich verfolge den Fall auch und finde es schrecklich, dass das Fabian so passiert ist. Mir tut die Mutter sehr leid und ich hoffe, sie findet mit der Zeit einen Weg, mit dem Verlust und den grauenvollen Umständen umzugehen.
Es steht direkt im Hinweistext, dass Ferndiagnosen verboten sind und ich maße mir auch nicht an, eine Ferndiagnose zu stellen, sondern nur ein paar allgemeine Hinweise in den Raum stellen - es wird hier ja gerade von vielen wieder ein großes Unverständnis bezüglich der Verhaltensweisen der Angeklagten insbesondere in der Interaktion mit MR und den anderen Zeugen mitgeteilt. Ich hoffe, das führt auch nicht zu weit, ist aber vielleicht für einige Mitleser interessant, das ganze aus dieser Perspektive zu sehen.
Bei narzisstischen Störungen sieht man ein solches Verhalten wie das, was man bei der Angeklagten wahrnimmt (wenig bzw. kaum Reflexionsfähigkeit, wenig Empathie, ausgeprägte Rücksichtslosigkeit), auch häufig. In der psychodynamischen Störungslehre versteht man eine solche narzisstische Störung als eine Folge von kindlichem "Mangel" und Sozialisationsdefiziten bezogen auf frühkindliche Bedürfnisse. In der Selbstpsychologie nach Heinz Kohut sieht man diesen "Mangel" darin, dass die primären Bezugspersonen in der Kindheit (d. h. in der Regel die Eltern) nicht ausreichend empathisch auf die kindlichen Bedürfnisse nach Spiegelung (Anerkennung) und Idealisierung (Trost durch Vorbilder) reagierten.
Quelle:
https://www.freud-museum.at/de/unendliche-analyse/articles/selbstpsychologieWerden diese grundlegenden frühkindlichen Bedürfnisse nicht erfüllt, erleben Betroffene eine innere Leere, die sie durch äußere Reize oder Bestätigung zu füllen versuchen - sie "hungern" aus dieser psychodynamischen Perspektive ein Leben lang danach, endlich wahrgenommen und "gesehen" zu werden – und das nicht zugrundeliegend auf dem aktuellen Beziehungs-Angebot, sondern sie fallen immer wieder zurück auf diese alten Mechanismen und auf diesen diffusen (objektlos, nicht personal), an eine Außenwelt gerichteten „Wunsch“, sich geborgen zu fühlen ""ohne es erklären zu können").
Das heißt, selbst wenn es eine der Person erlegene Gefolgschaft gibt oder entsteht, können diese Bedürfnisse nicht "nachträglich" erfüllt und damit das nach ihnen ausgerichtete Verhalten nicht direkt aufgelöst werden.
In der Selbstpsychologie nach Heinz Kohut geht man von einem bipolaren Selbst aus, das sich durch zwei Hauptbedürfnisse in Beziehungen äußert:
Der Pol der Größe und Geltung (Grandiosität*): Hier liegt das Bedürfnis nach Spiegelung und Bestätigung (gesehen und bewundert werden). Der Mensch benötigt andere, die seine Einzigartigkeit bewundern und seine Fähigkeiten anerkennen.
Der Pol des Ideal-Bildes (Idealismus*): Hier liegt das Bedürfnis nach Idealisierung - der Wunsch, eine idealisierte Außenwelt zu finden, an der man sich orientiert (Idealisierung als "Rettungsanker"; "sei für mich eine idealisierbare Person, Leitbild, Vorbild, an dem ich mich orientiere und zurechtfinde"). Der Mensch braucht Vorbilder oder starke Bezugspersonen, zu denen er aufschauen kann und in denen er Trost und Beruhigung findet.
Quelle:
https://psychologie-kulturkritik.de/narzissmus-als-antriebskraft-in-der-psychotherapie/Zwischen diesen beiden Polen spannen sich nach der Selbstpsychologie die lebenslangen narzisstischen Bedürfnisse eines jeden Menschen auf. Diese sind nicht per se "böse" oder pathologisch, sondern essenziell für die emotionale Stabilität. Man nimmt dabei eine quantitative Unterscheidung vor: Der Mangel an Selbstreflexion macht das Ausmaß der Pathologie deutlich.
Um die beschriebene Leere zu kompensieren, entwickeln pathologisch Betroffene oft grandiose Fantasien oder suchen extreme Bestätigung von außen. Da das Selbst jedoch brüchig ist, führt dieser äußere Druck schnell zu einer Überforderung (Überstimulation), die das System regelrecht flutet und in Fragmentierung (Verlust des inneren Gleichgewichts) enden kann.
Quelle:
https://www.selbstpsychologie.at/psychoanalyse-selbstpsychologieDie Erwartung der Betroffenen, von anderen Menschen in ihrem Umfeld so in den Mittelpunkt gestellt zu werden, dass die eigenen Bedürfnisse dieser Personen im Umfeld übergangen werden müssen, führt oft zu dauerhafte Spannungen in den zwischenmenschlichen Beziehung zu anderen. Und sobald der Partner bzw. die Partnerin menschliche Schwächen zeigt oder echte emotionale Nähe fordert, bricht das idealisierte Bild der Person meist zusammen. Um diese "katastrophale" Enttäuschung zu verhindern und die Kontrolle zu behalten, wird die andere Person dann meist plötzlich extrem abgewertet.
Pathologischer Narzissmus gilt auch als bei fast allen Störungen zu einem gewissen Teil enthalten (differenzierte Persönlichkeitsstörungen, Borderline etc.). Und der Leidensdruck ist oft sehr hoch – ein Scheitern in Beruf, in Beziehungen, etc. sowie häufig auch Suchtverhalten steht oft in Zusammenhang mit den beschriebenen psychischen Dynamiken und ihren Auswirkungen.
Wie gesagt, die Ausführungen sollen nicht bedeuten, dass bei der Angeklagten eine narzisstische Störung vorliegt, und vor allem soll der Beitrag ihr Verhalten in keiner Weise "entschuldigen", aber ist vielleicht hilfreich, um bestimmte als bizarr und verwerflich wahrgenommene Verhaltensweisen im Allgemeinen einzuordnen und "erklärbar" zu machen.
Falls es doch gegen die Regeln verstößt, gerne einfach wieder löschen!