HohesC_Multi schrieb:Wo kommt das her?
Ich habe noch eine Frage an Dich, weil ich meine, Du wärst erfahrener Prozessbeobachter? Sonst gern auch an die Community.
Es gibt ja durchaus noch mehr Fälle, in denen die Angeklagten lebenslänglich verurteilt werden und in denen diese schweigen. Wie ist dies mit dem jetzigen Prozess bezogen auf das Handeln der Anwälte zu beurteilen?
Sind die Anwälte in anderen Prozessen auch eher wortkarg oder wie agieren die?
War leider nicht in den Free-Tickern, nur im anderen. Daher bitte streichen und vergessen
:)Gibt natürlich verschiedene Verteidiger-Typen und -taktiken. Von Konfrontationsverteidigern, die von Tag 1 an, auf lautstarke Opposition zur Anklage und dem Gericht gehen und den Prozess durch Befangenheitsanträge, Beweisanträge und aggressives Vorgehen gegen Belastungszeugen regelrecht sabotieren und verschleppen (bzw. dies versuchen) bis zu eher nüchternen und stillen und passiven Vertretern und alles dazwischen. Die "richtige" Taktik hängt natürlich auch von der Stärke der Anklage und Beweislage und davon ab, wie man die Auffassung des Gerichts und dessen Agieren, Befragen etc einschätzt.
Auch zu der recht späten Einlassung nach der Sommerpause kann man natürlich verschiedene Positionen vertreten. Zeit zur Vorbereitung sollte man in einem solchen Verfahren jedenfalls auch vorher finden, das sollte kein wirkliches Argument sein. Das späte Statement hat natürlich den Vorteil, dass man passgenau auf die schon gehörten Zeugenaussagen und sonstigen Beweismittel reagieren kann. Andererseits mag es auch so sein, dass man dann schon einem nicht mehr zu überwindenden Berg an Indizien gegenübersteht (die dann auch über die Sommerpause noch alle schön bei der Kammer einwirken konnten), während man mit einem frühen Statement ein bestimmtes Narrativ setzen kann, unter dem dann bestenfalls alles, was noch kommt, gesehen wird. Der Wert einer rein abgelesenen Einlassung ohne Fragerecht ist natürlich auch limitiert und geringer als bei einer freien Einlassung, ist aber auch nicht unüblich.
Hier ist wohl ohnehin angesichts des Nachtatverhaltens der Angeklagten jeder Zug schon abgefahren gewesen, bevor der erste Strafverteidiger im Spiel war. Allerdings wirkt die Verteidigung, das habe ich hier bereits ab und an gesagt, arg passiv und halbherzig/unmotiviert, das ist sicher nicht die hohe Kunst der Verteidigung wie man sie in anderen Verfahren dieser Prominenz und Schwere zu sehen bekommt. Man ist sich jawohl auch nicht ganz einig über die Strategie. Schwerer Job für die beiden, aber besser ginge es (vom bequemen Sofaplatz aus beurteilt) mE wohl schon.