Für mich ist es immer noch eine der größten Merkwürdigkeiten in diesem Fall, warum Gina H. so plötzlich darauf umschwenkte, den Fund von Fabians Leiche zu forcieren.
Für jemanden, der nicht mit dem Tod des Jungen in Verbindung gebracht werden wollte, war es ja absolut irrsinnig, nacheinander drei Bekannte an den Tümpel mit der verbrannten Leiche von Fabian zu führen - nur um dafür zu sorgen, dass der Mord aufgedeckt und die Suche nach dem vermissten Kind kurzfristig beendet wird.
Mit rationalem Denken hätte Gina H. klar sein müssen, dass sie mit dieser zentralen Rolle beim Fund der Leiche schlagartig ins Visier der Ermittler geraten würde. Ausgerechnet sie, die selbsternannte Ziehmutter von Fabian, sollte den leblosen Körper entdecken - und das an einem entlegenen Ort, den niemand auf dem Schirm hatte und der keinerlei Verbindung zu dem Achtjährigen aufwies?
Es muss eine Verzweiflungstat der Angeklagten gewesen sein. Angenommen wird ja, dass Gina H. hoffte, mit der Ermordung des Jungen umgehend wieder eng an die Seite von Fabians Vater rücken und eine neue Beziehung ohne „störendes Anhängsel“ aufbauen zu können.
Doch dann reagierte Matthias R. zunächst eher abweisend. Die Ungewissheit über das Schicksal seines Sohnes machte ihm schwer zu schaffen; die vergebliche Suche und die Angst, dass Fabian einem Unglück oder einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein könnte, beherrschten ihn zu sehr, um sich noch näher mit Gina H. zu befassen.
Ich könnte mir vorstellen, dass seine langjährige Lebensgefährtin in dieser Situation erkannt hat, dass es ein unerträglicher Zustand werden dürfte, wenn Fabian verschwunden bliebe und Matthias R. dauerhaft zwischen Hoffen und Bangen hinsichtlich des Schicksals seines Sohnes schweben würde. Gina H. registrierte ja auch, dass ihr (Ex)Partner in dieser Phase wieder etwas mehr Kontakt zur Mutter von Fabian pflegte - für eine chronisch eifersüchtige Person wie die Angeklagte absolut ein Dorn im Auge.
Denkbar wäre, dass Gina H. vor diesem Hintergrund den Gedanken entwickelte, die Leiche des Jungen müsse kurzfristig entdeckt werden, damit der Schwebezustand ein Ende habe und mit dem Tod des Jungen „klar Schiff“ gemacht werde.
Ich halte es für möglich, dass diese Überlegung noch durch eine Sorge verstärkt und beschleunigt wurde: nämlich die Furcht, dass durch Wildschweinfrass der ohnehin schwer lädierte Körper des Jungen noch bis zur völligen Unkenntlichkeit verstümmelt werden könnte.
Bekanntlich googelte Gina H. ja schon am 11.10.: „Fressen Wildschweine tote Menschen?“. Die Antwort auf verschiedenen Plattformen ist relativ klar: Ja, als Allesfresser machen sie sich auch über Menschen her - aber erst, wenn diese leblos sind und nicht mehr ihre typischen Gerüche ausscheiden.
Die Angeklagte durfte also berechtigte Sorge haben, dass Wildschweine Fabians Überreste vernichten könnten - und damit ein Auffinden der Leiche an diesem ohnehin entlegenen und kaum frequentierten Tümpel massiv erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen würde. Mit der Folge, wie gesagt, dass Matthias R. dauerhaft der Fragestellung nachhängen würde: Was ist mit Fabian passiert? Ist er verunglückt? Wurde er entführt? Und wenn ja: Kommt er frei, kehrt er zurück?
Die Aussicht auf eine solche Situation, in der sich weiter alles um den ungeklärten Verbleib von Fabian dreht und nicht um sie, die doch so gern immer und überall als Nabel der Welt im Mittelpunkt steht, könnte Gina H. letztendlich dazu entschlossen haben, kurzerhand selbst das Auffinden von Fabians Leiche anzuschieben. Wer hätte das sonst bewerkstelligen können, wer ausser ihr hätte ausgerechnet an diesem Tümpel eine Suche starten sollen?
Anfangs dürfte sie sich in diesem Vorgehen vielleicht sogar bestätigt gesehen haben - als Olaf K. nach der Besichtigung der Leiche zu verstehen gab, der Körper habe auf ihn den Eindruck gemacht, als sei er von Tieren angefressen worden. Und auch sie selbst sprach ja gegenüber der Polizei von Wildfrass.
RitterTrenk schrieb am 16.06.2026:Und jetzt ist Andreas Ohm dran und hält seine Erklärung. "Die Leiche wirkte auf den Zeugen angefressen." So könnte erklärt werden, warum die Angeklagte offenbar am 14. Oktober, als sie die Polizei rief, von "Wildfraß" gesprochen habe.
Quelle:
https://www.t-online.de/nachrichten/panorama/gesellschaft/id_101297426/fall-fabian-im-liveticker-tuempelzeuge-sagt-im-prozess-zu-gina-h-aus.html (16:14 Uhr)
Aber mit der Zeit müsste Gina H. doch gedämmert haben, dass die von ihr inszenierte Suche am Tümpel ein fataler Fehler war, eine Kurzschlusshandlung aus Panik heraus. Am Ende hat sie damit nur eines erreicht: Sie hat absolutes Täterwissen offenbart und so einen Beweis für ihre Täterschaft geliefert.