bgeoweh schrieb:Glücklicherweise weiß ich selbst, dass ich einen Bullshit-Job habe, und bin da völlig fein mit :)
Congratulations, für diese ehrliche Ansage. Damit bist du der lebende Beweis für genau das, worüber wir hier diskutieren, und du hast damit sogar deutlich mehr Realitätssinn als manch ein „auf Wachstum spezialisierter“ Kollege im Thread.
Es ist ja auch völlig verständlich: Wer würde in diesem System nicht ein gutes Gehalt im klimatisierten Büro für eine ruhige Kugel annehmen, anstatt sich für einen Bruchteil des Geldes auf dem Bau den Rücken kaputtzuschuften oder in der Pflege ausbrennen zu lassen? Niemand wirft dir das persönlich vor, man muss das Spiel ja irgendwie mitspielen.
Aber genau da liegt doch der systemische Irrsinn: Wenn es finanziell attraktiver und psychisch entspannter ist, eine „Blindleistung“ im Büro zu erbringen, als die Gesellschaft physisch am Laufen zu halten, dann ist das die Definition einer massiven Fehlallokation. Du genießt deinen Kaffee im Glaspalast – und das sei dir vollkommen gegönnt! während draußen die Welt nach echten Handwerkern schreit. Prost auf die Ehrlichkeit!
Wenn man im System der Gegenseitigkeit bleiben will kommt man an den Punkt, an dem eine Instanz konkret den Mayer-Sepp und den Huber zum Dienst an der Gemeinschaft abholen muss, notfalls mit Gewalt: that's how you get Fronarbeit, that's how you get a Lehnsherr - es resultiert dann sowas wie der Feudalismus, auch nicht gut.
Dein historischer Exkurs zum Feudalismus in allen Ehren, aber du merkst gar nicht, dass du damit im Grunde unsere heutige Realität beschreibst. Du tust so, als sei der Feudalismus durch das Geld- und Kreditsystem überwunden. In Wahrheit hat er sich nur modernisiert. Damals holte der Lehnsherr den Bauern mit physischer Gewalt zur Fronarbeit ab. Heute holt dich der wirtschaftliche Zwang ab. Wenn der Großteil der Bevölkerung gezwungen ist, seine Lebenszeit in unproduktiven administrativen Scheinberufen an Konzerne zu verkaufen, nur um Miete, Energie und Essen zu finanzieren, während die Erträge dieser Arbeit nach oben an eine kleine Schicht von Kapital- und Immobilieneigentümern abfließen, Wie weit sind wir dann bitteschön von Fronarbeit und Lehnsherren entfernt? Wir haben das Ganze heute nur bürokratisch verpackt und nennen es Arbeitsmarkt. Die Barriere für echte Freiheit ist verdammt niedrig, und die viel beschworene Demokratie fühlt sich für viele wie eine reine Scheindemokratie an, in der man zwar alle vier Jahre ein Kreuz machen darf, aber über die Gestaltung der eigenen Lebens- und Arbeitsrealität absolut kein Mitspracherecht hat.
Zudem unterstellst du mir hier fälschlicherweise, ich wolle ein staatssozialistisches System mit zentraler Planwirtschaft verteidigen. Das tue ich nicht. Genau das ist nämlich der typische Reflex in solchen Debatten: Sobald man die fundamentalen Webfehler des aktuellen Kapitalismus benennt, schalten die meisten ab und rufen „Aber der Sozialismus hat doch auch nicht funktioniert!“.
Mir geht es darum, überhaupt erst einmal ehrlich die Augen vor den massiven Schwächen unseres aktuellen Systems zu öffnen, anstatt es reflexartig schönzureden. Und da greift deine Argumentation an zwei Stellen massiv zu kurz:
Du sagst, für komplexe Leistungen wie ein Medizinstudium brauche es zwingend den abstrakten Leistungstransfer über Geld. Aber wer bezahlt denn heute das Studium der Ärzte? Der Staat über Steuermittel, also die Gemeinschaft! Der Markt regelt das eben gerade nicht effizient. Im Gegenteil: Die geldgesteuerte Allokation führt heute dazu, dass wir einen akuten Mangel an Landärzten und Pflegekräften haben, während Schönheitschirurgen im Privatsektor ein Vermögen verdienen. Das Geld löst das Problem nicht, es verzerrt es.
Du lobst, dass das Geld- und Kreditsystem den Zweck erfüllt, Ressourcen großräumig zu verwalten. Ja, es verwaltet sie, aber katastrophal schlecht! Wenn dieses System so „funktioniert“, warum verbrennen wir dann Milliarden in der Verwaltung, während unsere physische Infrastruktur verrottet und lebenswichtige Care-Arbeit (die du völlig richtig erwähnst) systematisch unterbezahlt wird?