Fedaykin schrieb:Und im Spätkapitalismus wünschen sich die Kapitalisten mehr Staat?
Tatsächlich ja. Dein Wissensstand scheint nicht aktuell zu sein.
Also ja, genau das tun sie: Sie wünschen sich den Staat als Retter bei Bankenpleiten („Too big to fail“), als Verteiler von Subventionen und als Gesetzgeber für künstliche Markthürden, die kleinere Konkurrenten vom Markt fegen. Die Großkapitalisten hassen den Staat nur dann, wenn er ihre Gewinne versteuern will, sie lieben ihn, wenn er ihre Verluste sozialisiert und ihre Monopole schützt.
Streitest du das ab?
Bitteschön
Wikipedia: Drehtür-EffektPolitik/Wirtschaft
Hier wird der Begriff dazu verwendet, um kritisch Wechsel zwischen Politik und Wirtschaft zu beschreiben, die auch mehrfach erfolgen und im Fall von Lobbyismus gezielt genutzt und/oder herbeigeführt werden können. In diesem Fall zielt das Bild weniger auf den Wechsel hin und zurück denn auf die Eigenschaft von Drehtüren ab, kreisförmig bzw. „drehend“ zwei verschiedene Bereiche zu verbinden. Das kann auch schnell, als „fliegender“ Wechsel, erfolgen. Kritisiert werden bei insbesondere schnellem oder wiederholtem Wechsel zwischen Politik/Ministerien und Wirtschaft einerseits auftretende Interessenkonflikte, im Rahmen des Lobbyismus wird aber auch gezielter Missbrauch bzw. das konkrete Ziel beschrieben, die Gesetzgebung zu beeinflussen. Dies erfolge durch
Nutzung erworbener, mitunter gezielt herbeigeführter, auch freundschaftlicher Kontakte
Sicherung von Insiderwissen
Anreize in Form von Inaussichtstellung attraktiver Jobs in Führungspositionen der Unternehmen,
Arbeits- und Zeitersparnis in Form vorgefertigter, juristisch geprüfter, Gesetzesvorlagen.
Um Missbrauch auszuschließen, fordern kritische Stimmen seit langem die gesetzliche Einführung einer so genannten Karenzzeit als Puffer bzw. „Abkühlungsphase“ zwischen den Tätigkeiten beider Bereiche: Einerseits der idealerweise mehrheitlichen (demokratischen) Intentionen folgenden Legislative (Gesetzgebung) mit der davon getrennten Judikative und Exekutive (Gesetze ausführende bzw. durchsetzende Staatsorgane mit Gewaltmonopol), welche auch grundgesetzlich gebunden und der Allgemeinheit (dem Volk) verpflichtet ist. Andererseits einer gewinnorientierten, sogenannten „freien“ Wirtschaft, die nur einem exklusiven Teil der Gesellschaft verpflichtet ist (im Beispiel der Aktiengesellschaft ihren Aktionären) und an keine oder allenfalls freiwillig auferlegte ethische Grundsätze gebunden ist. Die Sozialpflichtigkeit des Eigentums gemäß Artikel 14 Absatz 2 des Grundgesetzes („Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“) hat entgegen der Rechtstheorie in der Rechtspraxis eine untergeordnete Bedeutung.
Quelle:
Wikipedia: Drehtür-EffektDie offizielle Wikipedia-Definition für genau diese systemische Verflechtung: hier der fließende Seitenwechsel zwischen Spitzenpolitik und Großkonzernen exakt als strukturelles Merkmal beschrieben wird.
Wenn du wissen willst, wie diese Symbiose institutionell organisiert ist, lies den Eintrag zu Korporatismus, der die direkte Einbindung von Wirtschaftsverbänden in staatliche Entscheidungen dokumentiert. Dass Staat und Großkapital im Spätkapitalismus Hand in Hand arbeiten, ist kein Geheimnis, sondern weithin anerkannter Fakt. Streitest du das auch ab?
Wikipedia: KorporatismusEin Blick in die jüngere Geschichte auf die staatliche von Milliardenverlusten privater Großbanken liefert zudem einen, allgemein akzeptierten Beweis dafür, wer das Schutzschild für wen baut.
Der Status als Lender of Last Resort lässt für Staaten, Großunternehmen, Großbanken oder Versicherer (auch wegen der Systemrelevanz) ein Moral Hazard entstehen, weil diese davon ausgehen können, dass ihnen in einer Finanz- oder Unternehmenskrise geholfen wird. Jede Art von Garantie, Liquiditäts- oder Kapitalhilfe schafft einen Moral Hazard.[16] Der IWF helfe nach Ansicht von George Soros den Gläubigern mit seinen Finanzpaketen und verführe sie dazu, verantwortungslos zu handeln und mache das internationale Finanzsystem instabiler.[1
Quelle:
Wikipedia: Rettungsaktion (Wirtschaft)#Wirtschaftliche AspekteKritisch gesehen werden Rettungsaktionen wegen des Moralischen Risikos durch den Fehlanreiz, überhöhte Risiken einzugehen und damit zu einer Krisenanfälligkeit beizutragen. Daher wurde nach Ausbruch der Finanzkrise ab 2007 insbesondere das Thema einer ordnungsgemäßen Abwicklung von notleidenden Kreditinstituten ab 2008 auch durch den Finanzstabilitätsrat (FSB) auf globaler Ebene behandelt; das Dilemma zwischen aus systemischer Sicht gefährlichen Insolvenzverfahren mit ihren Ansteckungsrisiken einerseits und ökonomisch sowie politisch bedenklichen Rettungsaktionen andererseits sollte mit einem neuen Abwicklungsregime für Banken aufgelöst werden. Insbesondere wurde gefordert, dass die Staaten Abwicklungsbehörden errichten und mit Instrumenten ausstatten sollen, die eine geordnete Abwicklung von Finanzinstituten ohne Kosten für den Steuerzahler ermöglichen; u. a. durch das Instrument der Gläubigerbeteiligung, bei der die Gläubiger (Kreditinstitute, Investmentfonds, Lieferanten usw.) an den Kosten eines Krisenmanagements bei Schuldnern in einer Unternehmenskrise beteiligt werden sollen. In der EU und im Euroraum wurden diese Grundsätze 2014 durch die Verabschiedung der Europäischen Bankenunion umgesetzt.[18]
Quelle:
Wikipedia: Rettungsaktion (Wirtschaft)#Wirtschaftliche Aspekte
Fedaykin schrieb:Und jetzt die These das die Wirtschaft die Bürokratie und staatliche Bevormundung fördert.
Natürlich tut sie das, streitest du das ab?
Fedaykin schrieb:Gut dann noch der Verweis auf die Gleichheit chon Jäger und Sammlergesellschaften, die aber wenig hilfreich sind.
Ne stimmt nicht, wenig hilfreich war deine Falschaussage, das Geld sei eine sehr alte Erfindung. Da musste ich das halt leider in Relation setzten, aber das ist ja nicht meine Schuld dann. Kannste mir ja nicht wirklich vorwerfen.
Fedaykin schrieb:Also eher wenige, nun musst du das ganze zumindest schon Mal europaweit betrachten.
Ja ach ne. Kapitalismus bereichert einige wenige. Ja, auch europaweit, und jetzt kommst ... auch global. Und jetzt? Das wissen wir doch schon.
Bin ich jetzt schachmatt gesetzt mit dieser absolut trivialen Aussage?
Ob Berlin oder Brüssel ändert absolut gar nichts am Prinzip – es vergrößert nur die Dimension. Gerade auf EU-Ebene ist die Verflechtung zwischen Großkapital und Gesetzgebung am extremsten: Über 25.000 registrierte Lobbyisten in Brüssel sorgen tagtäglich dafür, dass EU-Regulierungen so gestaltet werden, dass sie die Marktinteressen der europäischen Riesenkonzerne schützen und kleinere Wettbewerber im gesamten Binnenmarkt ersticken.
Du merkst gar nicht, wie du an meinem eigentlichen Punkt vorbeiringst: Es ging mir nicht um die Binsenweisheit, wer reich wird, sondern darum, dass Großkonzerne die ausufernde staatliche Bürokratie (ob in Berlin oder Brüssel) gezielt als Waffe nutzen, um kleine Konkurrenten zu erdrücken. Wenn du diesen strukturellen Fakt des modernen Spätkapitalismus mit einem hilflosen Ablenkungsmanöver wegwischen willst, hast du entweder das Thema nicht verstanden oder dir gehen schlicht die Gegenargumente aus.
Fedaykin schrieb:Warum kommen aber die meisten Regulierungen dann gerne von der Seite der Politik die angeblich die Ungleichheit ausgleichen wollen?
Absolut wilder sinnfreier Einwurf. Wer sollte denn sonst tun in einem Staat, wenn nicht die Politik/ Regierung? Darauf hätte ich gerne eine Antwort, wie du dir das vorstellst.