Karakachanka schrieb:Nach diesem kaufkraftbereinigten BIP soll es ja nicht nur den Russen und Chinesen, sondern sogar den Indern dann laut der Statistik deutlich besser gehen, als den Deutschen?
Oder was will diese (für mich sehr seltsam anmutende) Statistik nun eigentlich sagen? Ich kapiere die wirklich nicht.
Das BIP wird notwendigerweise in Geldeinheiten angegeben. Um das BIP verschiedener Länder vergleichbar zu machen, rechnet man normalerweise dieser Einzelwerte in eine Vergleichswährung um. Um einen möglichst intuitiv sinnvollen Vergleich zu ermöglichen, verwendet man als Vergleichsgröße meistens eine Währung, die am Weltmarkt relevant ist - dies ist meistens der US-Dollar, da viele internationale Institutionen diesen sowieso als Recheneinheit verwenden (z.B. Rohstoffbörsen und -märkte oder auch Finanzinstitutionen) oder der Euro, gelegentlich auch noch exotischere Vergleichswährungen oder synthetische Konstrukte wie internationale Sonderziehungsrechte. Damit ist Vergleichbarkeit der Geldgrößen gegeben, das ignoriert aber dass dies nicht die tatsächlichen Verhältnisse in den Ländern darstellt - Geschäfte innerhalb eines Landes werden in der Regel in der Landeswährung abgeschlossen, für die tatsächlichen Lebensverhältnisse ist es erstmal unerheblich, ob diese Währung international "gut" oder "schlecht" gegenüber dem Dollar usw. steht. Gerade in Ländern mit weit verbreiteter Subsitenzwirtschaft (z.B. Ländern der "dritten Welt" oder allgemein Ländern mit wenig ausgebauter Wirtschaft) kann man im internationalen Vergleich rechnerisch bitterarm sein, aber trotzdem gut über die Runden kommen, weil Nahrungsmittel, Mieten, Dinge des täglichen Bedarfs eben in lokaler Währung und dem lokalen Preisniveau ge- und verkauft werden. Ob der Rubel international nix wert ist kann dir relativ egal sein, wenn du im Monat 200 Rubel verdienst und 150 Rubel für deinen Lebensunterhalt brauchst - du wirst erstmal über die Runden kommen und auch was zur Seite legen können. Im Extremfall ergibt das eine Situation wie in der DDR - das nötigste kannst du dir eigentlich bequem leisten, aber ein "Westauto" halt niemals und das Land als Ganzes wird über Jahre und Jahrzehnte immer weiter vom Lebensstandard der restlichen Welt abgehängt, weil die Währung international nichts wert ist. Solange das Land das Nötigste in Eigenregie erzeugen oder von "Partnerländern" anderweitig beschaffen kann, kann das sehr lange gut gehen, wenn man nicht darauf besteht am Weltmarkt teilzunehmen.
Insofern misst das kaufkraftbereinigte BIP einerseits ein Stück weit die Fähigkeit eines Landes zur "Selbstversorgung", andererseits stellt ein Auseinanderfallen von BIP in Geldeinheiten und kaufkraftbereinigtem BIP aber auch ein starkes Indiz für eine politische und wirtschaftliche Isolation des Landes dar, sowie ein Indiz dafür dass das Land allgemein wirtschaftlich unterentwickelt ist und ein Großteil der Bevölkerung nicht oder wenig an formaler Wirtschaft teilnimmt, sondern mit dem Erarbeiten des eigenen Lebensunterhalts in Primärindustrien (d.h. Landwirtschaft und Rohstoffgewinnung) beschäftigt ist.
Vor diesem Hintergrund wird auch klar, warum die "guten" Werte für Russland, China und Indien nicht automatisch heißen, dass diese "besser dastehen", sondern vielschichtig interpretiert werden müssen.
Für eine weitergehende Betrachtung müsste man sich jetzt auch noch die Verteilung pro Kopf und pro Erwerbstätigem anschauen - China hat z.B. ein kaufkraftbereinigtes BIP von ca. 38 Billionen, verteilt auf ca. 730 Millionen Erwerbstätige, Deutschland "nur" 6 Billionen, aber auch nur 46 Millionen Erwebstätige, pro Erwerbstätigem ist also der Wert für Deutschland fast dreimal so hoch wie für China...