Ich spreche (zwangsläufig) oft mit Sympathisanten, da in meiner Heimat ca jeder 3 ein AFD Wähler ist.
Die AfD liegt bundesweit bei rund 27–28 Prozent in der Sonntagsfrage – also grob jeder 3.–4. Wahlberechtigte,
Bei den persönlichen Diskussionen und den Diskussionen auf YouTube oder im TV, erkennt man immer das gleiche Muster:
Kritische Quelle? "Lügenpresse".
Kritische Nachfrage? "Framing".
Konkrete Nachfrage zu Inhalten? Ausweichen, unkonkret bleiben, "du verstehst nicht, worum es geht".
Dafür gibt es in der Politik- und Wissenschaftstheorie einen Begriff: epistemic closure
(etwa: geschlossenes Erkenntnissystem).
In der politischen Debatte beschreibt der Begriff Glaubenssysteme, die als geschlossene Deduktionssysteme funktionieren und von empirischer Evidenz unberührt bleiben. Verwandt damit ist das Konzept der "Echo Chamber": Während man in einer reinen Informationsblase andere Sichtweisen schlicht nicht mitbekommt, geht die Echokammer einen Schritt weiter – hier werden andere relevante Stimmen aktiv ausgeschlossen und diskreditiert, sodass Mitglieder dazu gebracht werden, sämtlichen Quellen von außen grundsätzlich zu misstrauen.
Genau das erklärt, warum die "Lügenpresse"-Karte so wirkungsvoll ist: Sie ist strukturell unwiderlegbar. Sobald jede unbequeme Quelle per Definition als gesteuert gilt, gibt es keine Information mehr, die die eigene Position erschüttern könnte – Gegenbeweise werden dann sogar noch als Bestätigung der eigenen These verbucht.
Der "Framing"-Vorwurf funktioniert ähnlich: Er wird nicht mehr inhaltlich benutzt (also: "diese Formulierung legt X nahe"), sondern als pauschaler Gesprächsstopper gegen jede kritische Nachfrage. Und bewusste Unschärfe (siehe Siegmund bei Lanz: keine Antwort auf konkrete Fragen zu Ministerien oder Finanzierung) schützt davor, überhaupt greifbar widerlegt werden zu können.
Der Satz "Du verstehst nicht, worum es geht" ist dabei der eigentliche Knackpunkt: Er verschiebt die Diskussion von der Sachebene (stimmt die Aussage oder nicht) auf eine Beziehungsebene (du bist nicht genug eingeweiht, um mitzureden) – und entzieht sich damit jeder Überprüfbarkeit, ohne dass man das offen zugeben müsste.
Quelle zum Begriff "epistemic closure":
Wikipedia: Epistemic closure@Lepus Die "stark und männlich"-Framing-These ist tatsächlich gar nicht so abwegig – das lässt sich an ein paar Beobachtungen festmachen:
Kampf statt Kompromiss als Tugend. In Teilen der AfD-nahen Kommunikation wird Kompromissbereitschaft oft explizit negativ konnotiert ("Blockparteien", "Einheitsbrei"), während Konfrontation und Durchsetzungswille positiv besetzt sind. Ein interner Machtkampf lässt sich in dieser Logik durchaus als "hier prallen echte Überzeugungen aufeinander" umdeuten statt als Chaos.
Dazu passt auch die stark ausgeprägte Liebe zum Verbrennungsmotor unter den AFD Anhängern. Auch dafür gibt es zahlreiche Untersuchungen hinsichtlich der Verbindung Männlichkeit - Verbrennungsmotor.
Asymmetrische Bewertung von Konflikt. Bei etablierten Parteien wird Streit meist als Führungsschwäche gelesen ("die können sich nicht einig werden"). Bei einer Partei, deren Markenkern "Anti-Establishment" ist, kann derselbe Streit als Beleg für "die sind eben keine gleichgeschaltete Kartei" verkauft werden – paradoxerweise wird Uneinigkeit dann zum Beweis für Authentizität statt für Unprofessionalität.
Der Vincentz-Flügel als "Kümmerer vor Ort". Es ist denkbar, dass ein Teil der Basis den Machtkampf gar nicht als "Selbstzerlegung" wahrnimmt, sondern als Verteidigung der Landesinteressen gegen eine als abgehoben empfundene Bundesspitze – also wieder das "die da oben"-Muster, nur diesmal parteiintern statt gegen die Regierung gerichtet.
Ob's am Ende tatsächlich Geschlechterkonnotationen ("stark und männlich") sind oder eher generell "Kampfgeist vs. Softie-Politik" – das wäre spannend, direkt von AfD-Sympathisanten im Thread zu hören. Deine Frage im Post ist da genau der richtige Ansatz, das nicht nur zu vermuten, sondern nachzufragen.