FranzFerdinand schrieb am 25.10.2025:Es gab übrigens auch einen Nachbarn von Herrmanns der eine interessante Beobachtung gemacht hatte:
In den Wochen vor der Tat gab es aus einer Garage von einem Nachbargrundstück stundenlanges Gehämmere und Gebohre und Sonstiges aus einer großen Garage von ihm unbekannten Jugendlichen.
Den Nachbarsjungen kannte der Zeuge.
Der war es aber nicht.
Der Vater des Nachbarsjungen sagte später es sei sein Sohn gewesen der sein Auto in der Garage repartiert hatte.
Jetzt sagt aber einer der beiden nicht die Wahrheit.
Dieser Sache wurde natürlich nicht richtig nachgegangen.
Denn ganz interessant hierbei ist das der Zeuge auch von einem Erpresserbrief von 1978 an seine Familie berichtet, der der Polizei vorlag aber nie mit dem Fall Ursula Herrmann in Verbindung gebracht wurde.
Es gab also 1978 schon einen Erpresserbrief aus dem Bereich Kaagangerstraße.
Jetzt die Frage an die Mathematiker:
Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit das diese Erpresserbriefe von 1978 und von 1981 von unterschiedlichen Personen erstellt worden sind?


Je länger ich mich mit dem Fall Ursula Herrmann beschäftige, desto mehr wundert mich eigentlich ein Gedanke, der nach meinem Eindruck erstaunlich selten wirklich konsequent diskutiert wird:
Warum geht man fast automatisch immer von einzelnen Tätern oder von lockeren Gruppen aus – aber kaum jemals ernsthaft von einer familiären Täterstruktur?
Dabei gibt es durchaus Punkte, die zumindest in diese Richtung denken lassen könnten.
Ein Aspekt, der für mich immer wieder heraussticht:
In der Tatkiste wurde bekanntlich auch weibliche DNA gefunden, die definitiv nicht von Ursula stammte. Natürlich beweist das isoliert betrachtet überhaupt nichts. Dafür gibt es viele mögliche Erklärungen. Aber trotzdem finde ich bemerkenswert, dass dieser Punkt gefühlt nie wirklich in eine breitere Richtung weitergedacht wurde.
Denn sobald man den Gedanken „familiäre Beteiligung“ einmal zulässt, ergeben sich plötzlich ganz andere mögliche Dynamiken.
Vor allem beim Thema jahrzehntelanges Schweigen.
Wenn man sich vorstellt, die Täter wären tatsächlich nur eine Gruppe Jugendlicher oder Schüler gewesen, dann erscheint es mir persönlich extrem schwer nachvollziehbar, dass über mittlerweile 44 Jahre absolut niemand ernsthaft ausgepackt hätte.
Gerade Jugendliche verändern sich im Laufe ihres Lebens massiv:
Freundschaften zerbrechen.
Menschen ziehen weg.
Ehen scheitern.
Es gibt Alkoholprobleme, finanzielle Krisen, Streitigkeiten, Schuldgefühle, Krankheiten oder religiöse Veränderungen.
Irgendwann reden Menschen normalerweise.
Vor allem bei mehreren Beteiligten steigt statistisch doch das Risiko enorm, dass irgendjemand einmal etwas andeutet, sich verplappert oder indirekt Hinweise liefert.
Bei einer Familie könnte ich mir ein dauerhaftes Schweigen dagegen deutlich eher vorstellen.
Familien funktionieren oft wie abgeschlossene Systeme.
Nach außen wird dicht gehalten.
Man schützt sich gegenseitig.
Vielleicht aus Loyalität.
Vielleicht aus Angst.
Vielleicht auch, weil man gemeinsam längst in eine Art psychologischen Ausnahmezustand geraten ist, aus dem man Jahrzehnte später nicht mehr herauskommt.
Und genau deshalb finde ich es interessant, dass im Grunde nur bei der Familie Mazurek früh überhaupt in familiären Rollen gedacht wurde.
Dort haben Ermittler ja durchaus überlegt, wer theoretisch welche Aufgabe übernommen haben könnte:
Wer baut?
Wer transportiert?
Wer beobachtet?
Wer kennt das Gelände?
Wer könnte schweigen?
Aber warum wurde dieses Denkmuster scheinbar nicht breiter angewandt?
Welche anderen Familien im Umfeld hat man damals eigentlich näher betrachtet?
Welche vielleicht überhaupt nicht?
Wer wohnte damals noch in räumlicher Nähe?
Wer hatte technische Fähigkeiten?
Wer hatte Zugang zu Werkzeugen, Fahrzeugen oder abgelegenen Grundstücken?
Wer kannte die Gegend besonders gut?
Gerade Anfang der 1980er Jahre war das Gebiet rund um den Kaaganger ja vielerorts noch deutlich ruhiger und teilweise fast abgeschottet. Dort gab es nicht nur normale Wohnhäuser, sondern auch Wochenendhäuser und Grundstücke wohlhabenderer Besitzer. Unter der Woche dürfte es in manchen Bereichen relativ menschenleer gewesen sein.
Das eröffnet theoretisch ganz andere Möglichkeiten für ungestörte Vorbereitungen oder Transporte, als man sie heute vielleicht intuitiv annehmen würde.
Und noch etwas fällt mir auf:
Wenn man statt an Kinder eher an ältere Jugendliche oder junge Erwachsene denkt – vielleicht Ende Teenageralter oder Anfang 20 –, dann wirken viele praktische Aspekte plötzlich realistischer.
Etwa:
– das nächtliche Arbeiten im Wald
– das Ausheben einer größeren Grube
– das unauffällige Transportieren von Holzplatten oder Werkzeug
– das technische Basteln an der Kiste
– organisatorische Absprachen über längere Zeiträume hinweg
Auch die Kiste selbst wirkt auf mich teilweise nicht wie die spontane Arbeit einiger „halber Kinder“, sondern eher wie etwas, an dem unterschiedliche Fähigkeiten beteiligt gewesen sein könnten.
Und genau deshalb glaube ich, dass manche Denkansätze vielleicht zu früh ausgeschlossen wurden.
Ich sage ausdrücklich nicht, dass eine bestimmte Familie dahintersteckte.
Und ich sage auch nicht, dass diese Theorie „die Lösung“ wäre.
Aber ich finde schon, dass die grundsätzliche Überlegung einer familiären Täterstruktur deutlich weniger absurd ist, als sie oft dargestellt wird.
Vielleicht liegt gerade in den Dingen, die damals nie wirklich umfassend untersucht oder gedanklich weitergeführt wurden, noch immer ein Teil der offenen Fragen dieses Falles.
Zusätzlich finde ich einen weiteren bislang eher wenig beachteten Hinweis äußerst interessant:
Dieser wurde am 25.1.2205 von dem ehemaligen User FranzFerdinand gepostet:
Ein Nachbar der Familie Herrmann schilderte später eine Beobachtung von Tagen vor der Tat, die für mich zumindest bemerkenswert klingt. Demnach habe er aus einer Garage eines benachbarten Grundstücks über längere Zeit Hämmern, Bohren und sonstige Werkstattgeräusche gehört. Der Zeuge kannte die Jugendlichen aus der Nachbarschaft grundsätzlich. Er ging deshalb zunächst davon aus, dass dort lediglich Jugendliche an einem Fahrzeug oder Projekt arbeiteten.
Später erklärte der Vater jedoch angeblich, es sei nur sein Sohn gewesen, der in der Garage am Auto gearbeitet habe. Der Zeuge hatte daran allerdings offenbar Zweifel.
Besonders interessant wird dieser Hinweis für mich deshalb, weil derselbe Zeuge laut Unterlagen bereits von einem Erpresserbrief aus dem Jahr 1978 berichtete, der damals der Polizei vorgelegen haben soll, aber offenbar nie wirklich mit dem späteren Fall Ursula Herrmann in Verbindung gebracht wurde.
Wenn das tatsächlich zutrifft, dann existierte im Bereich Kaagangerstraße offenbar bereits Jahre vor der Entführung eine Art Erpressungsschreiben oder Drohkulisse. Genau das wirft für mich eine spannende Frage auf:
Natürlich kann das ein Zufall sein. Aber je länger man darüber nachdenkt, desto mehr stellt sich für mich die Frage, ob bestimmte Entwicklungen oder Denkweisen möglicherweise schon deutlich früher im Umfeld vorhanden waren, als man heute annimmt.
Ich finde deshalb, dass genau solche frühen Randhinweise vielleicht viel stärker gesamtheitlich betrachtet werden müssten, anstatt sie isoliert nebeneinander stehen zu lassen.