Scarlett (26) beim Wandern im Schwarzwald verschollen
gestern um 18:55
Hallo,
ich bin vor einiger Zeit durch YouTube auf den Fall von Scarlett gestoßen und habe jetzt wahrscheinlich alle oder die meisten Podcasts dazu gehört und die meisten Eurer Beiträge hier gelesen. Über Monate habe ich mir nun auch, wie ihr, den Kopf dazu zerbrochen, was passiert sein könnte. Wie auch Euch tat es mir sehr leid und hat mich auch mitgenommen. Dann bin ich hin und her geschwankt, ob ich über meine Gedanken etwas schreiben sollte oder nicht. Aber die Diskussion scheint sich nun auch nur noch schwer weiterzubewegen und vielleicht kann ich doch etwas Sinnvolles beitragen. Oder zumindest anderen Anregungen geben.
Also ganz kurz: Ich bin vom Beruf her Biologe und dann in einen Sozialberuf gegangen, aber in meiner Freizeit der Biologie treu geblieben. Für Naturschutzorganisationen, Wissenschaftler und Behörden sammle ich wissenschaftliche Daten, zumeist Beobachtungen von Tieren, Pilzen, Pflanzen. Dafür war ich in den letzten 35 Jahren sehr viel im zum Teil schweren Gelände, abgelegenen Gebieten/Gebirgen/Truppenübungsplätzen usw. Allerdings nicht im Schwarzwald. Das muss ich ganz ehrlich sagen.
Wie ihr habe ich auf den Fall eine dadurch eine persönliche Perspektive, welche natürlich durch subjektive Erlebnisse geprägt wird.
Mir ist zunächst aufgefallen, dass es auf einmal (ab ca. 11 Uhr an dem Tag des Verschwindens) eine sehr geringe Informationsdichte herrscht. So gering, dass es danach offenbar kaum noch etwas handfestes gibt. Oder es liegt uns nichts vor. Denn wir wissen ja nicht, was die Polizei weiß oder vielleicht nicht alles.
Dann ist mir aufgefallen, dass viele Podcaster und auch viele Andere die sich äußern mittlerweile eher zu einem Verbrechen als Erklärung neigen. Mir ist auch aufgefallen, dass einige Personen Unfall, auch Ertrinken, oder Suizid ins Spiel bringen, dann aber zum Teil Unfall oder Suizid von anderen recht schnell verworfen werden. Also in den öffentlichen Diskussionen zum Fall.
Ich würde nun aus den gemachten – mir ist klar, subjektiven - Erfahrungen eher zur Vorsicht raten und die Möglichkeit von Unfall oder Suizid als Arbeitshypothesen weiter verfolgen. Dazu würde ich auch anderen raten.
Wenn wir uns an den Punkt 10:57 (letzte bekannte Nachricht von Scarlett) begeben und zurück schauen, würden wir meiner Meinung nach nicht viel (uns bekanntes) sehen, was an und für sich unruhig macht oder sehr auffällig ist. Der Weg scheint nicht leicht zu sein, aber auch nicht massiv gefährlich. Man kann von einem kalkulierten Risiko ausgehen. Scarlett hat, meiner Meinung nach insgesamt nachvollziehbar und vernünftig gehandelt. Das Problem ist, dass sie spurlos verschwunden ist. Wäre sie nicht verschwunden, würde man ihr Verhalten sehr wahrscheinlich weniger auffällig finden. Man würde vielleicht sagen sie ist beherzt oder mutig, solch einen Weg alleine zu gehen. Das kann man sagen. Es ist aber auch kein aberwitziges Risiko.
Das auffällige Fehlen von Informationen lässt mehrere Möglichkeiten, was passiert sein kann, offen. Und solange eine dieser Möglichkeiten nicht zweifelsfrei verwerfbar ist, sollte man sie offen halten. Ich liste die Möglichkeiten die ich selbst für wahrscheinlich halte und die Möglichkeiten, die häufiger diskutiert werden, auf. Dabei fange ich mit den Möglichkeiten an, welche ich selbst für am wahrscheinlichsten halte und schließe mit denen, die ich für eher unwahrscheinlich halte. Anschließend erkläre ich, warum.
1. (M. E. Eher wahrscheinlich): Früher Unfall in Todtmoos oder im Bereich Todtmoos, einschließlich Ertrinken
2. Späterer Unfall im Wehratal (Einschließlich Verlaufen mit Todesfolge, fehlgeschlagener Übernachtung, Ertrinken)
3. Unfall mit einer dritten Person oder Totschlag
4. Suizid /Verbrechen mit Tatabsicht (halte ich leider auch für möglich, aber für weniger wahrscheinlich als die ersten drei Möglichkeiten)
5. Tierangriffe (halte ich für unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen, auch in Zusammenhang mit Unfall)
6. Untertauchen oder gezielter Rückzug (halte ich wie manche andere auch für unwahrscheinlich, kann ich aber nicht ausschließen)
7. Missing 411 und andere Phänomene, die nicht verstanden sind und von denen nicht klar ist, ob es sie überhaupt gibt, oder die Platzhalter für andere, sehr komplizierte Phänomene sind, die es gibt, aber viele Zusatzannahmen erfordern. Selbst so etwas kann ich nicht ausschließen, aber es ist m. E. unwahrscheinlich).
Das Scarlett überhaupt verschwunden ist, ist eigentlich schon sehr untypisch. Ihr muss zweifelsohne etwas sehr außergewöhnliches bzw. seltenes passiert sein. Und deshalb müssen wir uns dem Außergewöhnlichen stellen. Also nun die Gedanken zu den Hypothesen:
1. Früher Unfall im Raum Todtmoos oder in Todtmoos
Es ist jetzt so, dass ich einen Unfall auch deshalb für möglich halte, weil es mir selbst passiert ist. Vor etwa 15 Jahren ging es mir bei einer Untersuchung auf einer Fläche (Ein Trockenrasen) auf einmal sehr schlecht und ich habe mich an den Wegrand geschleppt und dann wurde mir schwarz vor Augen und ich bin auch gestürzt, allerdings nicht bei Bewusstsein. Ein Mountainbiker hat mich dann durch Zufall gefunden
Ich war dehydriert, hatte es aber nicht gemerkt. Dann einfach „umgekippt“. Zunächst konnte ich auch keine klaren Angaben machen, wer ich bin bzw. keine Angaben machen. Der Mountainbiker, welcher auch Schulsanitäter war, rief einen Krankenwagen. Im Krankenhaus habe ich dann eine Infusion bekommen und habe mich am gleichen Tag noch erholt. Warum ich das erzähle: Wäre ich mit dem Kopf oder Nacken auf einen Stein aufgeschlagen, hätte es vielleicht tödlich enden können. Zugegeben war das eine extreme Fläche und der Tag war sehr heiß. Aber ich hatte auch nicht so einen großen Rucksack etc. Ein plötzliches Stürzen würde ich keinesfalls ausschließen.
Einige Jahre später bin ich dann in einem Mittelgebirge (nicht Schwarzwald) in einen zugewucherten aber zum Glück nicht tiefen Schacht gestürzt, der von oben nicht erkennbar war. Dabei habe ich mich leicht verletzt.
Mein Kumpel hat mich dann herausgezogen. Einen derartigen Sturz in eine Spalte oder einen ehemaligen Bergbauschacht halte ich ebenfalls für eines der wahrscheinlichsten Szenarien. Es ist hier als Möglichkeit, glaube ich, auch schon mal erwähnt worden. Ich weiß nicht, ob es dort im Wehratal mal Bergbau gab. Aber im Sauerland oder in den mitteldeutschen Gebirgen wie dem Thüringer Wald kann man zum Beispiel auf ehemaligen Bergbau treffen. Auch eine Verwitterungsspalte ist vielleicht denkbar. Ich habe natürlich gelesen, dass viel gesucht wurde. Aber es kann vielleicht ganz ungünstig und unglücklich passiert sein.
In den Videos von Thomas Gast kann man das Terrain zum Teil sehen und etwas einschätzen. Er hat sehr gute Gedanken. Es gibt allerlei Brombeerdickichte, Hochstaudenfluren, hohe Heidelbeerbestände, die zum Teil noch ausgedehnt sind. Wie er ja selbst sagt, braucht man da viel Manpower, um etwas zu finden.
Das wir nach 10:57 nahezu gar nichts mehr sicheres haben, lässt m. E. Ein frühes Geschehen als einfachste Hypothese erscheinen. Sie passt auch dazu, dass das Handy in dieser Funkzelle verblieb. Nehmen wir an, dass ihr plötzlich schwarz vor Augen wurde und sie stürzte, kann sie in einen dichten Pflanzenbestand gestürzt sein, wo sie bis heute nicht gefunden wurde. Vielleicht sind sogar Suchende in der Nähe gewesen, aber es ist vielleicht auch ein ganz banaler Ort.
Meiner Meinung nach sollte „man“ Böschungen und Pflanzenbestände in einem Umkreis weniger Kilometer um den Bereich der letzten Sichtung nochmals absuchen bzw. das wäre meine Empfehlung. Vielleicht saß sie auf einer Brücke und ist in den Bach gestürzt oder in Brombeeren usw. Hier ist leider vieles denkbar. Die Vegetation kann sehr schnell vieles verbergen. Und die Signalwirkung der Farbe Rot bzw. des Roten Rucksackes würde ich nicht überschätzen. Rot sieht man manchmal im Wald gar nicht so gut, je nach Untergrund. Auch rote und gelbe Tiere machen sich das zu Nutze. Und so ein Rucksack kann auch schnell überwuchert sein.
2. Späterer Unfall im Wehratal (Einschließlich Verlaufen mit Todesfolge, fehlgeschlagener Übernachtung, Ertrinken)
Es kann ebenso später am Tag zu einem Unfall gekommen sein. Das halte ich jedoch für etwas weniger wahrscheinlich, weil wir dann eine immer größere Wegstrecke ohne Zeugen brauchen, die Scarlett zurückgelegt haben muss. Sie kann vielleicht auch in einem Bereich weiter südwestlich noch etwas Empfang gehabt haben. Aber je weiter wir uns bei der Verortung des Geschehens von Todtmoos weg bewegen, desto mehr Zusatzannahmen brauchen wir. Und das macht das schreckliche, Unwahrscheinliche, noch unwahrscheinlicher.
Es wird viel über die mögliche Parkplatzsichtung und über den Fund der Brille gesprochen. Mir scheinen diese beiden Hinweise nicht sehr sicher. Bei der Brille ist es nicht sicher und die Zeugin hatte, wenn ich mich nicht irre, auch räumlichen Abstand. Ich würde es nicht zu hoch gewichten.
Insgesamt würde ich einen Unfall weiter weg Richtung Wehr als eine weitere, aber bereits etwas weniger wahrscheinliche Lösung erachten.
Es wurde eine mögliche Sichtung bei Zell erwähnt, auch das kann ich natürlich nicht ausschließen, mir scheint es aber eher abwegig und unwahrscheinlich, dass Scarlett dort hin gelaufen ist. Ich sehe (aufgrund der vorliegenden Informationen) keinen vernünftigen Grund, was sie dort gewollt hätte.
Mir scheint nach 11:57 überhaupt nichts sicher zu sein, was wir wissen. Und das zählt zu den am meisten verstörenden Aspekten an diesem Fall. Es ist aber m. E. Ein Argument für 1.
3. Unfall mit einer dritten Person oder Totschlag
Die Einwirkung (bislang nicht bekannter) Dritter ist hier und anderswo ja mehrfach erwogen worden. Ich habe so etwas (zum Glück) nur einmal als Zeuge erlebt. Ein Mann stand auf einem Kalkfels ca. 100/150 m über mir und stritt sich sehr heftig mit einer Frau, welche er auch schüttelte und die versuchte sich loszureißen. Durch Zurufe habe ich ihn dann gestört bzw. verunsichert und hatte bereits vorher die Polizei gerufen. Es ist dann zum Glück nichts weiter körperliches passiert. Die Frau konnte sich losreißen, noch bevor die Polizei eintraf, welche von hinten also aus der anderen Richtung heranfuhr. Ich erzähle das, weil so ein Szenario vielleicht eine weitere Möglichkeit für die Einwirkung eines Dritten ist: Wie ich von Anwohnern erfuhr war die Frau die Freundin des Mannes, welcher sie festhielt. Es war also ein Vorfall unter Bekannten.
Ein Streit mit tödlichem Ausgang ist m. E. Mit einer Wanderbekanntschaft in diesem Terrain eine weitere, aber ebenfalls etwas unwahrscheinlichere Annahme, da er eine Wanderbekanntschaft voraussetzt, die wir nicht kennen. Aber ich würde so etwas oder dergleichen immer noch zu den plausibleren Szenarien zählen. Die Wanderbekanntschaft kann danach geflohen sein und sich nicht gemeldet haben. Oder sie hat ihre Tat vertuscht. Sie kann Erwartungen an Scarlett gehabt haben, die Scarlett nicht erfüllen wollte. Und dann kam es zum Streit. So etwas kann dann natürlich an diversen Stellen passiert sein.
4.1 Suizid
Die Möglichkeit des Suizides ist hier immer wieder genannt worden, mit Recht. Man kann sie nicht ausschließen. Menschen gehen in den Wald, um zu sterben. Aufgrund der Triggergefahr will ich hierzu nichts sagen, aber folgendes zu denken geben, was auch andere, mit Recht zu denken gaben: Scarlett wirkte glücklich und sozial eingebunden aber wir können ihr alle nur vor den Kopf schauen und wir wissen möglicherweise Inhalte ihrer letzten Konversationen nicht. Was wurde ihr da mitgeteilt? Kann sie einen mentalen Breakdown bzw. eine akute Krise erlitten haben? Wir wissen es nicht.
Manche Menschen können vieles sehr gut und lange geschickt und klaglos verbergen. Die Coronazeit hatte ihre Pläne erschüttert und war für viele kontaktfreudige und extrovertierte Menschen verheerend. Ihr ist vielleicht im wahrsten Sinne die Decke auf den Kopf gefallen. Und zwischen einem ausgeführten Suizid und dem Gedanken daran gibt es Graustufen. Es gibt Hochrisikoverhalten. Sie kann sich bewusst oder unbewusst in schweres Terrain begeben haben. Dann hat sie einen tödlichen Fehler gemacht. Eines kann zum anderen gekommen sein. Das nur, warum man die Möglichkeit als Hypothese behalten muss.
Mir erscheint ein Suizid allerdings auch bereits deutlich weniger wahrscheinlich als 1-3. Ich gehe mit den von anderen gegen einen Suizid angeführten Gründen auch mit. Aber es liegt leider in einem Wahrscheinlichkeitsbereich, den man nicht außer Acht lassen kann. Und es ist (leider) legitim, sich darüber Gedanken zu machen.
4.2 Verbrechen mit Tatabsicht
Erscheint mir ähnlich wie Suizid eher weniger wahrscheinlich. Es bleibt aber leider ebenso denkbar wie Suizid. Ich sehe keine Spur von solch einer Art fremden Täter und würde grundsätzlich einen möglichen Täter eher bei 3. verorten. Bzw. einen Tathergang wie bei 3 für wahrscheinlicher halten. Aber hier bleibt eine Unsicherheit.
5 Tierangriffe (halte ich für unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen, auch in Zusammenhang mit Unfall)
Über Tierangriffe ist hier jüngst gesprochen worden. Das sie angeführt werden, erscheint mir ebenso verständlich, wie die dagegen genannten Argumente.
Wildschweine verhalten sich meinen Erfahrungen nach meistens nicht aggressiv. Mir ist aber auch ein Fall bekannt, wo eine junge Frau durch ein Wildschwein fast tödlich verletzt wurde.
Es wurde gesagt, dass sich das Terrain eher wenig für Wildschweine eignet. Zumindest für den zweiten Teil der Strecke stimme ich da grundsätzlich zu. Andererseits können Wildschweine sich auch an relativ steilen Hängen sehr schnell bewegen und sich an solchen Hängen aufhalten um Bucheckern oder Blaubeeren zu suchen. Sie haben auch Pfade, um sich dort geschickt zu bewegen.
Gerade in den letzten Jahren habe ich zudem Wilschweine relativ oft auch am Tage gesehen.
Im September sind allerdings viele Wildschweine eher in Maisfeldern. Um diese zu finden, können sie gewaltige Strecken zurücklegen.
Ein Auftauchen von Wildschweinen im Zusammenhang mit einem Unfall/Sturz scheint mir hier etwas wahrscheinlicher als ein tödlicher Angriff. Denn sonst hätte man sie gefunden.
Andere Tiere würde ich für noch unwahrscheinlicher halten.
6. Untertauchen oder gezielter Rückzug (halte ich wie manche andere auch für sehr unwahrscheinlich, kann ich aber nicht ausschließen)
Also hier sehe ich zumindest nichts, was dafür spricht.
Je länger ich nachdenke und auch beim Schreiben verdichtet es sich bei mir immer mehr zu 1. oder einer Kombination zwischen 1. und 3. Also das sie bereits relativ früh verunfallt ist oder sich früh mit jemandem verabredet hat, in dessen Gesellschaft oder durch den es dann zum tödlichen Streit kam. Aber diese spekulative Person ist ja völlig im Dunkeln und eine Zusatzannahme, weshalb 1. m. E. etwas wahrscheinlicher ist.
Das Schlimme ist halt, dass wir im Grunde zu wenig wissen. Aber das sparsamste Szenario, dass zu erklären, ist ein frühes Unfallgeschehen mit Verbleib in einem wohlmöglich kleinen aber schwer einsehbarem Bereich.
Also das an Gedanken von mir. Das einzige was ich noch tun kann, ist wohl, das Gelände mal anzuschauen. Aber es ist von mir sehr weit weg und ich kann es nur mittelfristig bzw. in einiger Zeit tun. Wenn ich etwas sehe, was vielleicht hilfreich ist, melde ich mich wahrscheinlich auch hier nochmals.
Mit vielen Grüßen und auch den besten Grüßen und Wünschen an die Familie und die Angehörigen und an Alle hier