Justsaying schrieb:Was ist denn die gefuehlte Kriminalitaet?
Genau das, was Du hier demonstrierst: Die objektive Realität wird von der gefühlten Realität verdrängt.
Justsaying schrieb:In Deutschland ist dies irgendwie verpoent, denn "es wird schon nichts passieren", "die Kriminalitaet wird viel zu hoch eingeschaetzt", "alles nur gefuehlt", "frueher war es gefawhrlicher, sagt die Statistik".
Die Menschen fühlen sich a) subjektiv gefährdeter oder sind b) der Ansicht, es finde mehr Kriminalität statt, obwohl das empirisch keinen Niederschlag in der Statistik findet.
Dabei hängt viel davon ab, worauf sich das bezieht und welche Person die Gefährdung beurteilt:
- So fühlen sich Landbewohner, die die Großstadt besuchen, viel gefährdeter, als die Stadtbewohner, die das gewöhnt sind.
- Frauen fühlen sich z.B. gefährdeter, weil sie Opfer von Sexualstraftaten werden können. Dabei ist die Angst vor fremden Tätern und in sog. Angsträumen (Tiefgarage, dunkler Park, schlechtbeleuchtete Straße) viel größer, als vor Übergriffen aus dem Nahbereich, obwohl statistisch da die meisten Frauen das Opfer ihres Beziehungspartners werden (Stichwort "Femizide").
- Das Unbekannte, Fremdheit und Unsicherheit führen zu Angst vor Kriminalität. Stehen auf der U-Bahn-Station lauter junge Männer zusammen, die fremd aussehen und sich laut in einer fremden Sprache unterhalten, erweckt das Bedrohlichkeit.
- Ich lebe seit 20 Jahren in einer Großstadt, die der SPIEGEL kürzlich zur "Hauptstadt des Verbrechens" gekürt hat. Ich fühle mich dort nicht unsicherer, als in der Kleinstadt oder auf dem Land. Ich bin nicht vorsichtig, vermeide keine Straßen, Plätze, Ecken und Bahnstationen, auch wenn sie ein Kriminalitätsschwerpunkt sind. Ich halte mich natürlich auch nicht lange dort auf, sondern bin nur Durchreisender. Und habe doch noch nie Gewalt oder eine bedrohliche Situation erlebt.
Der Eindruck, es sei viel gefährlicher und krimineller, als es tatsächlich ist, wird schließlich auch extern gefördert:
- Die (Sozialen) Medien schaufeln jedes Gewaltdelikt aus allen Ecken der Republik auf die Bildschirme, so als ob es nebenan passiert wäre. Medial wird viel mehr Verbrechen vermittelt als früher, als es "Tatort", "xy" und den Lokalteil der Zeitungen gab. Alleine die große Zahl der "True-Crime"-Formate erweckt den Eindruck, als sei Deutschland ein vereinigtes Mörderland.
- So schätzen die meisten Menschen die Zahl der jährlichen Morde x-fach höher ein, als sie tatsächlich ist (rund 250). Daneben gibt es 10.000 Suizide und 10.000 Unfalltote pro Jahr. Die Wahrscheinlichkeit, ein Verbrechensopfer zu werden ist viel also viel niedriger, als im Auto oder auf dem Fahrrad oder im Haushalt zu verunglücken.
- Die Politik, v.a. rechtspopulistischer Parteien, schürt Angst vor Verbrechen, bauscht vermeintliche Bedrohungsszenarien auf ("migrantisches Milieu") und bietet sich dann als Lösung des Problems an, das sie erst übertrieben geschaffen haben. Dagegen sollen dann Abschiebungen oder die Aufrüstung der Sicherheitsbehörden dienen. Gerade erst in Reinkultur zum 31.10. zu beobachten.
International betrachtet ist Deutschland ein sehr sicheres Land. Dafür dass wir eine Mittellage mit vielen Außengrenzen und Transit haben und mit über 80 Mio. Einwohnern und einer gewissen Heterogenität zurecht kommen müssen, sind die Werte sehr gut. Im Einzelnen gibt es natürlich Entwicklungen, die Sorgen machen müssen, aber da ist die beste Kriminalpolitik eine gute Sozialpolitik.
Zugleich ist seit Jahrzehnten ein Unsicherheitsgefühl Thema, das in Wirklichkeit nicht der Kriminalität entspringt, sondern den sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen: Wiedervereinigung, Arbeitsplatzabbau, Finanzkrise, Corona, Ukraine-Krieg, Rentenreform usw. Alles Dinge, die existenzbedrohlich sind, aber furchtbar weit weg. Und da fokussieren sich die Menschen immer wieder auf eine Ersatzangst: Die vor dem bösen schwarzen Mann.