Interessantes Interview mit ...
Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk im taz-Gespräch über DDR-Verklärung und die vererbte Feindschaft im Osten gegen jegliche Form des Liberalismus

1.8.2026
Quelle: https://taz.de/!6196841/

... auch über ein großes Thema. Die Linke interessierte sich nie, nicht wirklich, für Ostmitteleuropa.
Kowalczuk: Dass dies reines Wunschdenken ist. Richtig ist aber auch, dass sich westeuropäische Linke bis auf berühmte Ausnahmen für den Osten nie besonders inte­ressiert haben. Er erschien ihnen irrelevant, grau und langweilig. Die Sowjetunion als Vielvölkergefängnis mit Balten oder Ukrainern war kein Thema. Ich selber habe mit 17 Jahren in Ostberlin das erste Mal von Nazis auf die Fresse bekommen. Das war also fünf, sechs Jahre vor der Revolution von 1989. Wenn man mit wachen Blick durch die DDR lief, war das meiste unübersehbar. Ich habe auf dem Bau gelernt, weil ich nichts anderes machen durfte. So habe ich Milieus kennengelernt, die im Staatsfernsehen nur idealisiert vorkamen.

taz: Obwohl die frühere DDR-Gesellschaft doch erlebt hat, was es bedeutet, unter der autoritären Herrschaft Moskaus zu stehen, verharmlost man heute gerne Putins Politik und wünscht sich wieder engere Beziehungen zu Russland.

Kowalczuk: Viele haben unter der sowjetischen Knute nicht wirklich gelitten. Wie gesagt, die meisten haben die DDR nicht als Diktatur wahrgenommen, auch nicht als Homunkulus des Kremls. Das zeigt sich bis heute in der ­ignoranten Haltung gegenüber der überfallenen Ukraine. Der westliche Liberalismus bleibt der Feind, der Kreml der natürliche Verbündete.
Quelle: ebd.

Da fiele mir noch Egon Bahr (SPD) ein ... die Polen würden den Frieden in Europa aufs Spiel setzen und so ...

Der Feind - ist der Liberalismus.

Zu den Ausnahmen ... gehörte Milan Kundera ... über den entführten Westen.
1984 in den USA erschienen, hatte der Text unmittelbare Wirkung auf den außenpolitischen Diskurs. Die widerstrebenden "kleinen Nationen" betrachtete man dort nun nicht mehr als "Satelliten" Moskaus, sondern als das kommende "Neue Europa".

Die deutschsprachige Rezeption des Mitteleuropa-Themas beschränkte sich seinerzeit weitgehend auf die einschlägige Historikerzunft mit der Ausnahme vereinzelter konservativer Zirkel. Resonanz fand Kundera in Deutschland dagegen am anderen Ende des politischen Spektrums. Der entführte Westen erschien 1984 erstmals in Kommune, der Zeitschrift einer Gruppe vormals marxistischer, jedoch antisowjetischer Intellektueller.

Herausgeber der Kommune waren es, die später die prowestliche Außenpolitik der Grünen in kommenden Regierungsbeteiligungen formulierten – im radikalen Gegensatz zu den pazifistischen und neutralistischen Wurzeln der Partei.
Quelle: https://www.derstandard.at/story/3000000192000/europas-trag246die