Ich würde auch gerne die von
@HaRuKa Beitrag von HaRuKa (Seite 621) nochmals angesprochene Methodik „Keatley’s Winthropping“ aufgreifen.
Soweit ich den im Beitrag genannten Artikel „Finding the here in where: Keatley’s Winthropping in missing persons and no-body homicide cases“ von David A. Keatley verstehe, geht es dabei nicht um eine konkrete Sammlung von Orten oder „Profiling“.
Sondern vielmehr um die Identifizierung von „Entscheidungsräumen“ eines möglichen Täters um dadurch denkbare Ort einzuschränken oder zu gewichten. Zentral scheint mir auch, bestehende Denkmuster aufzubrechen - nicht davon auszugehen, ein unentdecktes Versteck wäre gleichbedeutend mit Planung, Kontrolle oder dem „perfekten Ablageort“.
Auch wird darauf eingegangen, dass die Winthropping Methode weiter als klassisches (geographisches) Profiling geht, da zusätzlich zum bekannten Verhaltensmuster (der Einteilung der „persönlichen Welt“ in sog. Aktivitätsräume und üblicherweise sich wiederholender Wege zwischen selbigen) auch die grundsätzliche Bedeutung von Orten, gewählten Strecken zwischen diesen und die Wahrscheinlichkeit der Auswahl dieser Orte als Versteck ergänzt wird.
Ich entnehme dem Artikel - wie ich in verstehe - drei Kernpunkte der Methodik
•„Theory of Mind“ – als Perspektive des Täters
•„Affordances“ – wahrgenommene Handlungsmöglichkeiten im Umfeld
•„Progress to a Stage of Satisficing“ – Täterwähl eines Ortes, der unter den Beschränkungen von Zeit, Energie und Rationalität die ausreichend beste Option darstellt
und leite daraus ab, dass
•Täterentscheidungen „befriedigend“ und nicht „optimal“ sein müssen; ich verstehe dies iSv der Ort ist „gut genug, aber nicht perfekt“
•ein Täter innerhalb jener räumlichen Struktur handelt, die ihm durch Erfahrung, Gewohnheit und Vertrautheit zugänglich ist, handelt – iSv „mentaler Landkarte“
•der Ablageort eine prozessuale Entscheidung ist und nicht das konkrete Ziel – ich verstehe das iSv „Ablageort ist eine Problemlösung“
zusätzlich (das wird in diesem Artikel von Keatley dazu empfohlen)
•dass in Gesprächen mit dem Täter dessen Wortwahl, örtliche Bezüge oder auch Verneinungen zentral sein können (linguistische Analyse) – iSv „mentaler Wegbegehung“ -> welcher Weg führt zum Versteck, welcher Ort wird benannt oder eben gerade nicht benannt
Zur Frage
HaRuKa schrieb:Wie kann man ein solche Theorie nun in die Praxis übersetzen?
Ich denke, man kann im Rahmen dieses Forums - aufgrund ausschließlich öffentlicher zur Verfügung stehenden Details – diese hier nicht „anwenden“. Im Sinne einer Eingrenzung oder Priorisierung von Suchgebieten.
Aber doch in gewissen Maße „simulieren“. Ich denke da an ein Erkennen von eigenen Denkfehlern oder impliziten, pauschalen Annahmen aufgrund der eigenen, sehr persönlichen Denkmuster.
Ein Beispiel für mich ist der letzte Beitrag von
@kweezel (Wäre es nicht auch möglich, einen Ort zu wählen, der bereits von der Polizei gründlich abgesucht wurde?) - das eröffnet einen anderen Blickwinkel ohne neue Fakten zu kennen oder zu behaupten.
Gerade darin sehe ich persönlich den Mehrwert solcher Diskussionen: weniger im Finden von tatsächlicher Lösungen, sondern im Öffnen neuer Denkwege.
Beispielhaft wurden so unterschiedliche Aspekte eingebracht etwa u.a von
@Grillage die Frage „Ablage am selben Abend vs. Zwischenlagerung“, auch Alter, Zugang zu Räumlichkeiten, auch die „Logistik“; von
@kweezel zB die Bedeutung der Ortskenntnis und „alltäglicher Unauffälligkeit“, die dann von
@Mantua aufgegriffen wurde; sowie
@MajorQuimby der hinsichtlich einer möglichen „Überinterpretation“ und vorschnellen Annahmen mahnte.
Auch wenn ich ganz klar nicht davon ausgehe, dass hier Ermittler mitlesen oder konkrete Erkenntnisse ableiten könnten.
Eine Befragung dahingehend von beliebigen Personen oder ein „Nachspielen“ wäre an sich zur Ideengewinnung interessant – aber kein „Winthropping“ wie ich das nun interpretiere.
Die Idee, KI einzusetzen (zB Wahrscheinlichkeitsrechnungen) würde mMn aber jedenfalls im Anschluss Sinn ergeben, wenn man eine konkrete Täterhypothese hat.
Mich selbst beschäftigt dabei noch immer – wie schon in meinem ersten Beitrag – vor allem die Frage nach dem Tätertyp: insbesondere dahingehend, ob ein Täter erinnern oder vergessen will. Ich halte es für relevant im Hinblick darauf, ob ein Ablageort aktiv, also bewusst, gewählt wird oder eher als „praktisch/passend“ erscheint, also eine schnelle, spontane Art („Problemlösung“).
Daran schließt sich für mich auch die Überlegung an, ob ein Täter, der einen dauerhaft kontrollierbaren „privaten Raum“ wählt, über Jahre hinweg psychisch unauffällig bleiben könnte – oder ob der innere Druck nicht irgendwann so groß würde, dass es zu Fehlern, Mitteilungen ggü anderen oder sogar zu einem Geständnis kommt.
Dabei für mich auch die Nuance von „privat“, denke ich doch, wichtig: also ob es sich um einen tatsächlich privaten Raum handelt (etwa das bewohntes Haus oder das zugehöriges Grundstück) oder um einen nur „gefühlt privaten“ Ort (wie die Felsspalte im Fall Sonja E). In ersteren Fällen stellt sich mir da noch mehr die Frage, wie das Aufrechterhalten von alltäglicher Normalität gelingt – eine Art „soziale Tarnung“, gewissermaßen.
Abschließend noch, ich empfinde - nicht nur - das Aufgreifen dieser Methodik und eure zahlreichen, verschiedenartigen Beiträge als einen wirklich guten Impuls zur Ideengenerierung und vor allem als Perspektivenöffner.
Mich persönlich hat das (unverkennbar für jene, die es bisher geschafft haben zu lesen
:) ) dazu angeregt, mich näher mit diesem Ansatz auseinanderzusetzen – weit mehr, als es dem Podcast gelang. Tatsächlich führte ein gelesener Beitrag, jeder Verweis auf einen Artikel, schnell zum nächsten, und man könnte sich problemlos stundenlang damit beschäftigen.
Ich finde diese Art des gemeinsamen Weiter- und Querdenkens sehr bereichernd und bin gespannt, welche weiteren Perspektiven(-wechsel) sich aus euren Überlegungen noch ergeben.
Ich beziehe mich auf mehrere Beiträge aus der Diskussion, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Danke wirklich an alle, die hier so ernsthaft (selbstverständlich nicht nur zum Winthropping) mitschreiben!
"Winthropping - Beiträge"
Beitrag von HaRuKa (Seite 617);
Beitrag von 2cent (Seite 617);
Beitrag von kweezel (Seite 617);
Beitrag von Grillage (Seite 618);
Beitrag von HaRuKa (Seite 618);
Beitrag von Grillage (Seite 619);
Beitrag von MajorQuimby (Seite 620);
Weiterführende Links zum „Winthropping“ bei Interesse:
https://research-portal.uws.ac.uk/en/publications/the-psycho-criminology-of-burial-sites-developing-the-winthroppin/https://research-portal.uws.ac.uk/en/publications/winthropping-as-an-investigative-tool-in-clandestine-grave-discov/