Ich habe mir heute die 5. Folge des LiD-Podcasts angehört und bin doch etwas enttäuscht davon. Unter "Der Überblick" hatte ich mir eher eine zusammenfassende Gesamtschau vorgestellt, aber die ganze Folge geht ausschließlich über die Ansichten von Michael Heier, dem Filmemacher, der die Familie Konert fast seit dem Verschwindetag begleitet hat und die Doku "Blitzeis" (2015) gemacht hat. Er redet darin mit Mathis über seine Eindrücke und Ansichten zu dem Fall, das ganze gleitet dabei oft ins philosophisch-weltanschauliche ab.
Er scheint dem Fall und vor allem der Familie nach wie vor sehr nahe zu stehen, ich habe den Eindruck fast zu nahe, um einen neutralen Blick darauf zu haben (was ja auch nicht unbedingt seine Aufgabe ist, weder allgemein, noch in dieser Podcastreihe).
Ich weiß nicht, wie nahe er den Ermittlern steht und ob er mit diesen im Austausch ist. Am Anfang wird gesagt, dass er kurz nach Katrins Verschwinden sogar im Suchhubschrauber mitgeflogen ist. Ob die Verbindung zur Polizei aber all die Jahre so eng war und ob er Detailinfos von den Ermittlern hat, die einer breiten Öffentlichkeit nicht bekannt sind, wage ich aber mal zu bezweifeln. Insofern mag ich auch nicht beurteilen, ob seine Mutmaßungen zu dem was passiert ist, tatsächlich auf den Fakten beruht, oder ob es nicht doch eher so ein Bauchgefühl bei ihm ist, das sicher auch durch den engen Kontakt zur Familie mitgeprägt wird.
Folgende Details sind mit in seinen Aussagen aufgefallen und ich schreibe mal auf, was ich jeweils dazu denke:
- Er scheint fest davon auszugehen, dass in Bergen jemand etwas weiß, was den Fall lösen könnte, dies aber bisher nicht ausgesagt hat. Über lange Strecken philosophiert er darüber, dass man nicht wegsehen darf, dass man den Mut haben muss, das richtige zu tun (= eine Aussage zu machen), dass man nicht einfach sein Leben weiter leben darf, auch wenn es selbst schon ekompliziert genug ist und man sich nicht noch zusätzlich belasten will. Gegen Ende kommt auch ein bisschen so was wie Verbitterung, Frust und Wut gegen die Bergener auf, warum die nicht helfen den Fall zu klären.
Ich kann den Frust und die Forderungen nachvollziehen, finde das aber ein bisschen problematisch, weil ich mir nicht sicher bin, dass irgendein Bergener tatsächlich mehr weiß und es einfach nicht sagt. Oder ob es nicht tatsächlich so ist, dass damals einfach niemand weiteres etwas gesehen hat. Klar, Ralf war so ein Fall, der hatte was gesehen und nicht gemeldet (laut Heuer überings mit der Erklärung, er habe es nicht für wichtig gehalten). Das bedeutet ja aber nicht, dass es weiter solche Personen dort gibt. Die Zahl der Personen, die als Zeugen ausgesagt haben, dass sie Katrin an dem Abend gesehen haben, ist meiner Meinung nach sogar erstaunlich hoch, wenn man bedenkt, dass das ganze in einem sehr kleinen Ort stattfand, Katrin ja nur kurz (maximal ca. eine halbe Stunde) auf der offenen Straße unterwegs war, es der Abend des Neujahrstages war und es außerdem Blitzeis gab.
Insofern weiß ich nicht, ob er den Bergenern nicht Unrecht tut.
- Er ist sehr verärgert über das Verhalten der wichtigsten Zeugen (wohl Christian, Martin und Sven), die ihre Aussagen wohl mehrfach geändert haben und schlussfolgert daraus, dass ihnen die Klärung, Katrins Schicksahl und die Wahrheit mehr oder weniger egal seien.
Das finde ich auch etwas gewagt, ich kann mir einfach auch vorstellen, dass diese Zeugen sich einfach nicht mehr so genau erinnern können. Klar, in der Rückschau von 25 Jahren später aus, erscheint es uns so, als seien die alle kurz nach dem Verschwinden befragt worden so dass die Erinnerung also noch frisch gewesen sein muss. Aber tatsächlich war die Begegnung mit Katrin in dem Moment wo sie passierte für alle ja ein ganz alltägliches, kurzes Aufeinandertreffen , von dem sie nicht wissen konnten, dass es wenige Tage später so wichtig werde würde. Es hat sich also niemand von denen gesagt, dass er sich das jetzt mal einprägen sollte und er mal besser eben einen Blick auf die Uhr wirft, damit er sich in drei Tagen noch erinnert, was er wann genau gesehen hat.
Insofern denke ich, dass man so fair sein muss, und einige Widersprüche und Unsicherheiten in den Aussagen darauf zurückführen kann, dass die Erinnerung an diesen kurzen Moment einfach nicht mehr so gut war. Kann ja jeder mal für sich durchspielen, ob ihm noch einfällt, welche Personen und Autos er vor 3 oder 4 Tagen wo genau und wann genau während einer kürzeren Autofahrt auf der Straße und dem Bürgersteig gesehen hat; noch dazu bei Blitzeis und Dunkelheit, wo man sich eh sehr aufs Fahren konzentrieren muss.
- Er geht davon aus, dass Katrins Leiche vergraben wurde und zwar wohl auf einem Privatgrundstück, über das der Täter Kontrolle hat. Zunächst hatte ich am ehesten an Kurt gedacht, aber er sagt dann wörtlich, dass "dort noch nicht gesucht/gegraben wurde", weshalb der Täter beruhigt ist.
Er macht ein kleine Einschränkung, indem er sagt, dass das zutreffen könnte, wenn es ein Täter ist, für den Kontrolle wichtig ist. Wenn ich hier wieder an unsere Überlegungen zu Keatley's Winthropping denke, dann würde ich persönlich davon ausgehen, dass Kontrolle über die Leiche prinzipiell jedem Täter wichtig ist, denn jedem Täter (wenn er nicht wirklich strunzdumm ist) dürfte klar sein, dass der Fund der Leiche die Ermittler einen Schritt weiter bringt und sie dort aus Spuren und Umständen für die Ermittlungen wictige Hinweise ableiten können.
Insofern ist für mich das entscheidene Detail bei der Frage, ob die Leiche auf einem Grundstück versteckt ist, das der Täter kontrollieren kann, eher die Tatsache, ob dem Täter überhaupt so ein Grundstück zur Verfügung steht. Dazu gehört meiner Meinung nach mehr als ein eigenes Einfamilienhaus oder ein eigener Schrebergarten, v.a. wenn die gemeinsam mit anderen Familienmitgliedern genutzt werden und diese nicht Mitwisser sind, die ihn decken.
- Er ist der Meinung, dass ein Schlüssel in Katrins Situation damals an jenem Abend zu finden ist und er hat deshalb versucht, sich in Katrins Situation hineinzuversetzen. Er und Mathis machen das in gewissen Rahmen noch mal gemeinsam, in dem sie im Dunkeln und an einem kalten (aber immer noch deutlich wärmeren) Tag Katrins Strecke zur Bushaltestelle nachgehen.
Er geht davon aus, dass Katrin sehr verzweifelt und dass das Bedürfnis schnell nach Hause zu kommen sehr dringlich für sie gewesen sein muss.
Das passt für mich nicht wirklich damit zusammen, dass die zwei angebotene Mitfahrgelegenheiten abgelehnt haben soll. Heier scheint deshalb davon auszugehen, dass diese beiden Zeugen nicht die Wahrheit sagen, er setzt da zumindest ein dickes Fragezeichen hinter.
Ich habe mir Katrin aber nie verzweifelt vorgestellt, für mich hat sie immer eher souverän gewirkt. Sie hat an dem Abend mit allen möglichen Leuten rumtelefoniert, ob sie sie fahren könnten. Hat definitiv Svens Angebot abgelehnt, die um 17.30 Uhr zu fahren (das hatte meine ich Joachim bestätigt). Sie hatte offenbar keine Probleme damit, zig Leute anzuhauen und um einen (in meinen Augen ziemlich großen) Gefallen zu bitten (fast 25 km Hin- und Zurück an Abend eines Feiertages und noch dazu Blitzeis). Mir kam sie dadurch immer eher gut vernetzt, selbstbewusst und zuversichtlich vor; halt in der Annahme, die werde schon irgendwen finden, der für sie mal schnell ne halbe Stunde bei Blitzeis durch die Nacht gondelt... Ich hätte mich das mit 15 Jahren nicht getraut und ich hätte auch nicht so viele deutlich ältere Leute gekannt, die schon Auto fahren können. (Das ist aber jetzt mein Eindruck, ich traue Herrn Heier zu, das deutlich besser einschätzen zu können als ich, weil er eben die Familie seit Jahrzehnten kennt!)
Heier meint, dass es für sie keine Option gewesen sein könnte, zu Stefanie zu gehen, weil die ja gleichaltrig war und kein Auto fahren konnte. Allerdings denke ich, dass es durchaus eine Option für Katrin gewesen wäre, zu Stefanie zu gehen und von dort zuhause anzurufen und mitzuteilen, dass sie wegen des Blitzeises niemanden findet, der sie fahren kann. Das hätte deutlich den Zeitdruck rausgenommen, vielleicht hätten die Eltern sie sogar abgeholt, oder hätten Thilo gebeten, sie doch zu holen oder sie hätte mit Erlaubnis der Eltern bei Stefanie - die ja eingeweiht war, dass sie Katrins falsches Alibi für das Treffen mit Joachim war - schlafen können.
Deshalb kann ich die Annahme, Katrin sei verzweifelt gewesen, insgesamt nicht nachvollziehen. Vielleicht genervt, dass sie ewig rumorganisieren musste und sich trotzdem nichts ergeben hat. Aber nicht verzweifelt in dem Sinne, dass sie aus schirere Verzweifelung bei einem fremden Tramper eingestiegen wäre, was sie sonst nicht getan hätte. (Ich halte einen fremden Autofahrer , den sie angetrampt hat durchaus für möglich, aber weil ich denke, dass sie das regelmäßig gemacht hat und kein Problem damit hatte).
- Heier geht davon aus, dass sie sich an dem Abend mit Joachim gestritten hat. Später (ab ca. Minute 34:30) sagt er noch mal, dass es für Katrin wohl keine Option war, zu Joachims Wohnung zurückzugehen wollte. "An dem Abend, das Kapitel hat sich erledigt."
Da verstehe ich nicht so ganz, ob er damit meint, dass der Streit einer Trennung gleichkam oder ob er meint, dass das nur für den Abend keine Option für sie war.
Ich denke, dass seine Meinung diesbezüglich allerdings sehr von seinem engen Kontakt zu Katrins Famili geprägt ist, die ja die These hatten, dass es an dem Abend zu einem Streit mit Joachim gekommen sei, von dem der Hauptermittler aber ja im LiD-Podcast sagte, dass er davon zuvor noch nichts gehört habe.
- Ab ca. Minute 35 klingt es für mich dann aber so als würde er konkret einen der drei jüngeren Männer verdächtigen. Er spricht davon, dass Katrin vielleicht jemanden kontaktiert hat, mit dem sie gerade gesprochen hatte,
"um ihn darauf hinzuweisen, dass er ja bitteschön auch hier anzutanzen hat mit seinem Auto." [...] Kommt hier noch jemand an, den sie kennt, der angeblich gesagt hat, ich fahr Dich oder bei der nächsten Vernehmung das Gegenteil behauptet oder umgekehrt. Der sich in Widersprüche verwickelt, der sein Auto nicht sofort der Polizei übergibt zur Untersuchung, der ein Zeitloch hat von mindestens einer Dreiviertelstunde. Hier im engen Radius von 200, 300 Metern, aber fünf Beschuldigte insgesamt, vier an diesem Ort, das ist ja schon ne Menge. Da ist es logisch, dass der ein oder andere ausscheidet, deswegen ausscheiden muss, denn es gibt ja keine vier oder fünf Täter. Und warum scheiden sie aus? Weil sie sich ihrer eigenen Verantwortung in diesem Fall nie, auch nicht als Zeuge, gewahr wurden. Wenn man heute das sagt, morgen das sagt, nicht mehr weiß, und doch, und dieses und jenes, und jede Unwahrscheinlichkeit ist in Ordnung, die Lüge zur Weltordnung gemacht [...]
"
Quelle: LiD-PC, Folge 5 zum Fall Katrin Konert, ab ca. Minute 35.
Ich verstehe es so, dass er hier von Sven redet und diesen zumindest indirekt verdächtigt? Oder verstehe ich das falsch und er bezieht sich da auf alle fünf Verdächtigen, die alle Widersprüche in ihren Aussagen hatten?