2cent schrieb:Deshalb halte ich es auch für plausibel, dass Ralf – unabhängig von einer Täterschaft – diese Erinnerung unbewusst oder bewusst an bekannte Ermittlungsergebnisse angepasst haben könnte. Und/Oder auch bewusst Einfluss auf die zeitliche Einordnung seiner Begegnung genommen haben könnte, etwa um sie klar vor Martins Sichtung zu verorten und sich so aus einer möglichen Verdachtslage zu bringen. Wie auch von @Grillage vermutet. Das wäre ein nachvollziehbares Selbstschutzmotiv.
Und zwar unabhängig davon, ob er der Täter ist. Selbst wenn er mit ihrem Verschwinden nichts zu tun hat und sein "Vergehen" einfach "nur" darin besteht, sich nicht als Zeuge gemeldet zu haben (aus welchen Gründen auch immer), hätte er 18 Jahre später natürlich einen guten Grund, die Begegnung als möglichst unwichtig darzustellen, damit er nicht noch mehr in Rechtfertiungsdruck gerät, warum er sich nie gemeldtet hat.
Wenn er Katrin nach Martin an der BHS gesehen hätte, wäre er der letzte Zeuge und damit ein sehr wichtiger Zeuge. Immerhin fällt das dann in die wichtigen 15 Minuten zwischen dem Gespräch mit Martin (wohl gg. 19.15 Uhr) und dem Halten des Buses gg. 19.30 Uhr, bei dem Katrin nicht mehr an der BHS stand.
Er wäre zudem ein wichtiger Entlastungszeuge für Martin gewesen, dessen Aussage ja in Frage gestellt wurde und der zeitweise sogar Beschuldigtenstatus hatte.
Und er hätte vielleicht eine Info dazu geben können, welchen Grund Katrin genannt hat, warum sie sein Angebot nicht annehmen will.
Und ich bin mir sicher, dass er sich der Bedeutung seiner Aussage die meiste Zeit bewusst war. In den ersten paar Tagen nach ihrem Verschwinden mag er noch gedacht haben, dass Katrin eh bald wieder auftauscht, aber spätestens als die Suchmaßnahmen deutlich warnehmbar intensiviert wurden, kann das doch nicht an ihm vorbei gegangen sein.
Insofern macht es für ihn durchaus Sinn, die Begegnung nach vorne, deutlich vor das Treffen mit Martin, zu verlegen, unabhängig ob er der Täter ist oder nicht.
2cent schrieb:Bei Ralf sehe ich die Lage anders. Er war vermutlich (deutlich?) älter als Martin, kannte Katrins Vater und Katrin persönlich. Das erhöht mMn das Verantwortungsgefühl und senkt die Plausibilität, dass ihm die Relevanz einer Begegnung nicht bewusst gewesen sei.
Das kommt eben auch noch dazu: er ist kein naiver 18- oder 19-jähriger, sondern dürfte damals mind. schon Mitte 30 gewesen sein, eher noch älter (wenn er eine mind. 10-jährige Stieftochter hatte).
2cent schrieb:Hinzu kommt noch: Ich nehme an, dass er die Begegnung auch nicht zufällig erwähnt hat, sondern bewusst oder unbewusst einem anonymen Hinweisgeber/in – und das offenbar erst rund 18 Jahre später. Warum er das tat, bleibt offen.
Hier lässt sich über die Motivation spekulieren: innerer Druck, das Bedürfnis, etwas „loszuwerden“, ein unbewusster Versprecher oder auch ein kontrolliertes Platzieren von Information.
Michael Heier sagt an einer Stelle, dass Ralf die Begegnung gegenüber dem Hinweisgeber erst kurz vor dessen Anruf erwähnt hat. Das halte ich aber für eine Spekulation von seiner Seite aus. Heier weiß denke ich nicht viel mehr als die allgemeine Öffentlichkeit. Und so wie ich Frau Dau-Rödel verstanden habe, enthielt der anonyme Hinweis nicht mehr als die Info, dass Ralf an jenem Abend ebenfalls mit Katrin gesprochen hat, seinen Namen und seine Wohnanschrift in Bergen. Ich meine, dass sie sogar erwähnt hat, dass eine der wichtigen Fragen, die die Ermittle noch an den Hinweisgeber haben, ist, wann und unter welchen Umständen er von Ralfs Begegnung mit Katrin erfahren hat.
Insofern denke ich, dass die Angabe, Ralf habe das 18 Jahre später einer weiteren Person erzählt eher dessen Annahme ist, aber kein belegter, sondern nicht einmal der Polizei bekannter Fakt.
2cent schrieb:Zu 2) Katrin bat aktiv um eine MFG, Ralf lehnte ab.
Das Katrin aktiv um eine MFG gebeten hätte und Ralf ablehnte, halte ich für unwahrscheinlich, da Katrin offenbar nicht aktiv („Daumen raus“) auf der Suche war. Aus dem Stern Podcast ab ca. Min 20: Dau-Rödel: „Er will ihr auch angeboten haben, sie nach Hause zu fahren. Katrin soll aber abgelehnt haben." und "Er kannte das Mädchen aus früheren Zeiten, [Katrin hat] einen ganz normalen Eindruck [auf ihn] gemacht, und für ihn war das dann klar, okay, dann brauche ich sie nicht nach Hause fahren. [...] Ganz normal ist sie dort entlanggegangen, ja. […] Dann ging die sie die Einmündungsstraße der Neuen Straße rein“ Das spricht für mich gegen eine aktive Bitte/Handlung um eine Mitfahrt.
Die Frage ist, was für einen Grund Ralf gehabt haben soll, anzuhalten und Katrin anzusprechen, wenn sie dort "ganz normal langgegangen" ist. Das einzige, was mir einfällt wäre, ihre ein Frohes Neues Jahr zu wünschen, vielleicht auch mit Grüßen an die Eltern/den Vater. Dafür müsste er mit der Familie aber doch schon sehr eng befreundet ein.
Wenn Katrin "ganz normal dort entlanggegangen ist", dann würde ich das so interpretieren, dass sie weder den Daumen raus gehalten hat um zu Trampen, noch dass sie offensichtlich auf den Verkehr geachtet hat, um zu erkennen, ob dort zufällig jemand vorbeikommt, den sie kennt und den sie anhalten könnte.
Wenn ich die 15jährige Tochter eines Bekannten dort langgehen sehen würde, würde ich vielleicht die Lichthupe betätigen oder die Hand kurz heben, um sie zu grüßen, aber anhalten würde ich denke ich auch nicht, denn ich würde nicht davon ausgehen, dass sie gerade eine MFG braucht, sondern dass sie da halt mit einem konkreten Ziel langgeht. Selbst anhalten um ein "Frohes Neues" zu wünschen finde ich ziemlich abwegig für einen 35jährigen, der eine 15jährige da langlaufen sieht.
2cent schrieb:Zu 3) Er fuhr (langsam) vorbei, sah sie, hielt aber nicht an.
Meine Frage dazu: Warum hätte Ralf dann Jahre später einem anonymen Hinweisgeber/In von einem Gespräch mit Katrin berichten sollen? Und falls diese Angabe gegenüber dem Hinweisgeber falsch gewesen wäre – aus welchen Gründen auch immer –, warum hätte er sie dann später gegenüber der Polizei nicht korrigiert oder relativiert? Diese Variante erscheint mir doch erklärungsbedürftig.
Zumindest wenn man davon ausgeht, dass der Hinweisgeber von der Begegnung erfahren hat, weil Ralf ihm davon berichtet hat und nicht, weil er diese zufällig beobachtet hat. Letzteres halte ich für unwahrscheinlich, denn dann hätten Ralf UND auch der Hinweisgeber sich als Zeuge ja jahrelang gedrückt.
2cent schrieb:Zu 4) Er ist der Täter.
Dieser Schluss setzt mMn allerdings voraus, dass Martin gelogen hat und sie an der BHST nicht gesehen hat (sofern das Gespräch wie von Ralf angegeben in der Breiten Straße stattfand).
Unter der theoretischen Prämisse, dass Ralf der Täter ist, würde ich allerdings davon ausgehen, dass Martin die Wahrheit sagt (zumindest was Ort und Zeit der Sichtung von Katrin anbelangt, nicht unbedingt in Bezug auf die Tatsache, dass er ihr eine MFG angeboten hat, die sie ausgeschlagen hat) und das Ralf bewusst hinsichtlich Ort und Zeitpunkt der Begegnung gelogen hat, da er damit durch Martins Aussage ja eine Art Alibi hat.
Trotzdem bleibt hier natürlich die Frage, warum er dann überhaupt später einem Dritten von der Begegnung hätte erzählen sollen?! Rational würde man annehmen, dass ein Täter, der bis dahin nicht aufgeflogen ist und es offenbar sogar geschafft hat, nicht mal auf dem Radar der Ermittler aufzutauchen, das tun sollte? Aber Täter handeln halt nicht immer rational. Vielleicht war er betrunken, wollte sich was von der Seele reden. Wollte rausfinden, ob ihm jemand die Begegnung und Katrins angebliche Absage abnimmt? Hat sich irgendwie verplappert? Wollte sich wichtig tun? War gerade an einem allgemeinen persönlcihen Tiefpunkt im Leben und hat in Erwägung gezogen, alles zu gestehen?
Natürlich wäre es auch logisch, einfach alles zu leugnen, als die Polizei plötzlich vor seiner Tür stand und ihn konkret nach der Begegnung gefragt hat. Aber da muss man sich in seine Lage versetzen: er weiß nicht, was die wissen und woher. Die werden nicht so tollpatschig sein, und ihm auf die Nase gebunden haben, dass sie einen einzigen anonymen Hinweis haben und der Hinweisgeber auf ihre Rückfragen nicht mehr antwortet.
Vielleicht hat er sich bessere Chancen eingeschätzt, eine Begegnung einzuräumen, statt alles abzustreiten. Weil er dann oberflächlich betrachtet kooperiert. Und eben weil man sich auch fragen muss, warum er das einräumen sollt, statt alles abzustreiten, wenn er der Täter ist.
Das sind rein hypothetische Überlegungen von mir. Ich will damit ausdrücklich nicht sagen, dass ich Ralf für den Täter halte. Wie gesagt: auch wenn er nicht der Täter ist, hätte er einen Grund zu lügen, indem er die Begegnung nach vorne verlegt, einfach um vorzubeugen, als Unschuldiger in Verdacht zu geraten.
Schwer fällt es mir allerdings, mir ein Szenario auszudenken, in dem Ralf vollständig lügt und es gar keine Begegnung, nicht mal eine Sichtung, mit Katrin gegeben hat. Was sollte er dafür für eine Motivation haben?
Er könnte den Hinweisgeber eine wilde Story aufgetischt haben, um sich wichtig zu tun und interessant zu machen. Von wegen er hat Kartin ja kurz vor dem Verschwinden noch gesehen. Allerdings wäre es dann unlogisch, so eine Begegnung später auch gegenüber der Polizei aufrecht zu erhalten, denn er kann sich ja an drei Fingern abzählen, dass die da intensiv nachbohren werden.
Die Variante halte ich für extrem unwahrscheinlich und fernliegend.