Pflegenotstand in Deutschland
17.06.2026 um 18:18
Der demografische Wandel kommt nicht, der ist JETZT und seit "gestern" da.
Man gehe mal an einem x-beliebigen Tag in ein x-beliebiges Krankenhaus.
Ich kann jetzt keine genaue Statistik machen, aber ich habe als Arzt bereits in vielen Kliniken gearbeitet und berichte kurz subjektiv:
Es gibt eine feste Fraktion, eine feste "Verschiebemasse", mit der das gesamte Gesundheits- und Pflegesystem nicht mehr umgehen kann:
Menschen über 80, chronisch vorerkrankt (bestehende Demenz, immobil, Herzkreislaufgeschichten, etc....). Viele Patienten oder deren Angehörige wollen nicht begreifen dass der biologische Körper, dieser Organismus der dann schon fast 100 Jahre auf der Erde existent ist, dann auch irgendwann einmal anfängt zu versagen. Demzufolge ist man meisten mit Ü80 halt doch schon etwas angenagt, es sind nicht alle so rüstig wie "Oma Erna aus Ostpreussen, die doch mit 95 noch Zigarre geraucht hat und nebenbei das Hühnchen entfederte).
Alleine das zu begreifen, dass man alt wird und schlussendlich stirbt, dazu sollten die vorangegangenen Lebensjahren unter anderem auch gedient haben. Ich habe oft das Gefühl, dass diesem nicht so ist. Wir sind auch "nur" Lebewesen und sterben halt, das haben selbst viele meiner Zunft nicht verstanden und therapieren über (ich betone, dass ist meine Privatmeinung, alles subjektiv). Am Ende haben wir den Pflegefall mit Pflegegrad 4-5, im Heim liegend, aufgrund vorangeschrittener Demenz nicht mehr voll am Leben partizipierend oder gar schlimmer, dass eigene Kinder gar nicht mehr erkannt werden. Das sind dann meistens Menschen über 85 J. und höher. Wenn man den ganzen Tag im Pflegebett liegt bekommt man klassischerweise irgendwann seine Lungen- oder Harnblasenentzündung, oder akutes Nierenversagen, weil man nicht mehr Flüssigkeit zu sich nimmt und die Pflegekräfte in den Altenheimen natürlich keine 1 zu 1 Betreuung leisten können. Es gibt vielfache Gründe, aber am Ende dieser Kaskade wird irgendwann der Notruf gerufen, oder der Kassenärztliche Notdienst macht einen Einweisungsschein fertig oder der Hausarzt, der den Patienten manchmal gar nicht selber gesehen hat, macht eine Ferneinweisung. So oder so, die Patienten kommen ins Krankenhaus, das akute Krankheitsbild wird mit einem Antibiotikum behandelt, oder es wird intravenös Flüssigkeit gegeben und es geht wieder zurück ins Heim. Und dann....man kann die Uhr danach stellen, kommt dieser chronisch Kranke Mensch wieder in die Klinik.
Ich wiederhole mich jetzt: An irgendetwas muss man sterben
Patientenverfügung, letzter Wille, Patientenvollmacht, das sind alles so Sachen da ist man in der Selbstpflicht diese zu erstellen, da sollte im Kreise der engsten Angehörigen ein Konsens drüber bestehen. Es gibt ab und zu löbliche Beispiele, aber oft sind Angehörige in solchen potenziellen end-of-life Situationen völlig überfordert Entscheidungen zu treffen und geben ehrlich zu, darüber nie so wirklich gesprochen zu haben. Und das ist etwas, was ich irgendwie begreifen kann, es liegt in der Natur des Menschen über Übel zu schweigen, denn dann ist es nicht da. Und wozu sollte man sich mit Anfang 70, wenn man rüstiger fitter froher Rentner ist, sich über das bitter schmeckende Thema Tod unterhalten? Dies ist ein gesellschaftliches Phänomen und begegnet mir wöchentlich mehrfach.
Oder dann gibt es diese Patientenverfügungen wo mal schnell Kreuzchen gesetzt wurden und die so allgemein formuliert worden sind nach einem Standardjuristentext, dass man keine klaren therapeutischen Entscheidungen faellen kann.
Meiner Meinung nach sollte man eine Art Schulfach etablieren, das kann dann von mir aus "Gesellschafts- und allgemeine Lebenskunde" genannt werden. Wo Themen wie Ernährung, Gesundheitsprävention, Sterben, Pflegeheim und so weiter besprochen wird. Weil diese Themen sind echt nicht in den Köpfen der Leute drinnen (ich betone, ich habe Feierabend, das ist meine subjektive Auffassung).
Gut ich habe jetzt von den extremen Beispielen der Pflegegrade 4-5 gesprochen und auch nur einen Teilaspekt beschrieben. Es gibt Menschen die haben Erkrankungen wie multiple Sklerose oder ALS, sind völlig an das Bett angewiesen, aber geistig völlig klar.
Aber deswegen ist es so wichtig, zu "Lebzeiten" zu eruieren, was soll alles medizinisch geschehen, wenn mein Mann/ meine Frau / mein Vater/Mutter /Oma/Opa schwer dement ist. Alleine wenn man diese Frage zu Lebzeiten geklärt hätte, dann wäre es für alle Beteiligten (Angehörige + Gesundheitspersonal) bereits morgen am 18.06.2026 leichter.
Der eigene Wille muss einmal ermittelt werden, das kann man mit 18 machen und mit 30,40, jeden Tag , jede Stunde blabla....Hauptsache man hat mit einem Angehörigen darüber gesprochen und dann dieses verschriftlichen. Weil sonst kommt es dazu, was im 21ten Jahrhundert Alltag ist. Die geriatrischen multimorbiden Menschen liegen ab.......und siechen vor sich hin.
Das kann mich einst auch erwischen, was weiß ich, was mit mir in ein paar Dekaden ist. Aber grobe Rahmenbedingungen habe ich für meine Angehörigen schon vorgegeben.
Weiterhin:
Die sozialen Strukturen sind andere seit Jahrzehnten, aber das Thema "Pflege" ist uralt. Der Mensch ist und wird immer mobiler. Kernfamilie in einem Haus, in einem Ort wird immer seltener.
Oft erlebe ich, dass das Thema vorübergehende häusliche Pflege, also die Möglichkeit dieser, absolut exkludiert wird. Also schon als reine Grundannahme. Es beißen sich bei diesem Gesellschaftsthema alle Parteien die Zähne aus. Ich verstehe dass man, wenn man berufstätig ist, nicht einfach mal von heute auf morgen seinen Job und gewohntes Leben quittieren kann, weil man urplötzlich Mutter/Vater/Onkel/Oma etc. pflegen muss. Würde mir genauso gehen. Lösung? Pflegekapazitäten erhöhen ambulant und volle Heimbetreuung. Aber das kostet alles ein Haufen Geld ! Und da liegt der Hase im Pfeffer. Man kann nur die Kapazitäten erhöhen, oder die Versorgungsstrukturen entlasten auf natürlichem Wege, indem "wir" aufhören alles medizinisch auszureizen. Da müssen dann aber alle Beteiligten ehrlich miteinander umgehen. Man darf ja nicht vergessen, mit Gesundheit kann ja mittlerweile auch Geld erwirtschaftet werden (habe ich mal irgendwo gelesen).
Und an dieser Stelle müssen wir uns als Gesellschaft fragen: Quo vadis (Wohin gehst du?).
Ja wo wollen wir denn hin?
Das ewige Leben gibt es nicht.
Punkt.
Was sind unsere höchsten ethischen Werte und Prinzipien zu Lebzeiten. Ab wann darf man sterben.
Entschuldigt ich bin ein wenig am Threadthema vorbei, ich wollte ein wenig Galle ablassen.
Ich habs in meiner eigenen Familie gesehen und erlebe es auch in meiner Nachbarschaft: ambulanter Pflegedienst ist vital/ essentiell ! Damit erhöht man die Lebensqualität und das Lebensglück ungemein. Gesundheit-Prävention-Pflege-Patientenwille das ist ja alles ein Konglomerat. Vielleicht sollte man auch abwägen, ob eigene Lebensführung sich in Beitragszahlungen abbilden soll? Jemand der 50 Jahre geraucht hat, wird sicherlich mehr Ressourcen verbrauchen als jemand der 50 Jahre nicht rauchte (nur ein Bilderbuchbeispiel). Ich finde man muss vielmehr die primärpräventiven Reize stärken ! Deswegen bin ich stark dafür dass man sowas bereits in der Schule behandelt. Für einen Wandel bedarf es eh Jahrzehnte.
Weil es geht schon, man kann rüstig alt werden wie Oma Erna. Dazu Gehören: Genetik-Lebensweise (Rauchen, Bewegung, Alk, Ernährung) und halt auch Glück/Schicksal. Manche Menschen haben halt Pech und kriegen trotz gesunder Lebensweise eine schwere Diagnose und werden ein Pflegefall. Das sind zum Glück statistische Ausnahmen.
Die Zuzahlungspflicht von 100 000 € willkürlich runterzunehmen halte ich für gewagt und nicht zumutbar. Es muss eine andere Lösung her. Ich weiß nicht wie man sich spontan über 3000 Euro monatlich aus dem Ärmel leiern soll. Ich denke dieses neue Gesetz, welches ja kommen muss, wirds natürlich nicht lösen. Und ich befürchte dass durch diesen Kostendruck auch das Thema Sterbehilfe in Zukunft wieder beleuchtet wird und dieses mal dann politisch liberaler. Und das fände ich dann richtig pervers.
Achso, irgendwo las ich von der Idee eines allgemeinen gesellschaftlichen Beitrags. Ich denke auch dass es nicht schaden kann, nach der Schule ein wenig mit anzupacken. Aber frische Schulabgänger können und sollen nicht die examinierte Pflegekraft ersetzen. Und man muss bedenken. Selbst wenn so eine Taetigkeit für junge Menschen nur so definiert ist: Fahr einfach zu Oma Meier und bringe ihr den Einkauf hoch. Kann es immer noch sein, dass Ömchen Meier dann in der Wohnstube auf dem Boden liegt, vollgekotet ist oder dergleichen.
Als ich mein Pflegepraktikum damals unmittelbar vor dem Studium absolvierte (als Medizinstudent muss man 3 Monate in der Pflege praktizieren), also ich kam gerade frisch vom Abitur und dann gleich rein ins Pflegepraktikum, da war das allererste was man von mir selbstverständlich abverlangte ungefähr so: Morgens war Waschrunde auf Station..... " hey du Praktikant, geh mal ins Zimmer, hilf in waschen (also Geschlechtsteile), zuvor saß der Patient aber auf Klo und ich durfte ihm den Pöcker abwischen" , Eiskalte Feuertaufe war das. Im Prinzip hat man mir als Praktikant damals alles was Körperpflege betrifft mit abverlangt.
Freue mich auf eine interessante Weiterdiskussion.
BG