Berryl schrieb:Und gefühlt:
Du warst gegen die Flüchtlingspolitik ab 2015: Nazi.
Gegen den politischen Islam: Nazi.
Gegen Thunberg: Nicht direkt Nazi aber mindestens Schlechtmensch.
Gegen Grundrechtseinschränkungen während Corona: Nazi.
Kritiker an anderen Themen wurden auch immer recht schnell als Nestbeschmutzer hingestellt.
Das ganze hielt man dann durch billiges Geld und einer relativ guten wirtschaftlichen Lage ruhig.
Du schreibst korrekt "gefühlt" aber das ist halt auch sehr abstrakt und schwammig. Es hat so formuliert schnell den Hauch einer Opferrolle diverser Kritiker, die hier aber im Subtext grob in einen Topf geworfen werden.
Es suggeriert (vielleicht auch eher unbewusst als aktiv vorsätzlich gewollt), dass jedwede auch nuanicerte Kritik sofort von einer Art Kaste oder Hyperinquisition abgeschmettert wurde und es zugleich keine wirklich überzogene oder populistisch-extremistische bzw. Schwurbelkritik gab. Die es sehr wohl gab.
Das Problem ist glaube ich bei einzelnen dieser Events, dass man direkt mit überzogenen Beispielen und vlt. auch Strohmännern usw. arbeitet. Es wird irgendwie nicht differenziert wie genau das Argument, der Ton war und wer was kritisiert hat. Dass manche Dinge von einer eher linken wie rechten Bubble eh immer inquisitorisch kritisiert wurden: Geschenkt. Das ist aber nicht immer der Maßstab für alles. Ich entsinne mich grob sehr wohl an nuancierte Corona-Kritik die aber im Trubel der Zeiten und auch vieler populistischer Argumente unterging bzw. wo dann auch weniger ein Hahn nach gekräht hat, als wenn Schwurbelgurus mit lauten Trompeten und Trommelwirbel (sinngemäß umschrieben) dann auf Verschwörungstheorien hinwiesen. Wenn jemand mit fachlichem Background oder auch ein Ottonormal nuanciert äußert, dass man hier ausreichend auf Sicherheit von Forschung oder von mir aus Impfstoffen achten sollte aber generell nicht gegen das Konzept Impfung ist, dann ist das in der medialen Wahrnehmung auch unaufgeregter, als wenn jemand mit schroffem Ton mit Verschwörungstheorien daherkommt.
Gleiches gilt bei Migrations-/Integrationskritik. Der nuancierte Ton ist fast immer unaufgeregter auch in der Wahrnehmung. Dann bleibt bei manchen nur noch der mediale Populismus hängen wo dann alle Einwanderer gutmütige fehlerfreie Menschen sind die vor bösen Nazis beschützt werden müssen, respektive andersrum wo jeder Einwanderer zur potentiell-akuten Gefahr für die Gesellschaft, die gesellschaftliche Kohärenz oder die innere Sicherheit deklariert wird.
Man sollte zugleich nicht verkennen, dass manche schon zeitnah in und nach 2015 hysterischem Populismus anheim fielen und im Doomer-Modus waren weil auf einmal viele Menschen kamen. Ein bizarres Beispiel was grob bei mir hängen blieb war, dass sogar ein augenscheinlich bürgerlicher Finanzbeamter oder so versuchte irgendeine Flüchtlingsunterkunft oder einen Teil davon anzuzünden und erwischt wurde:
Ein Hamburger Finanzbeamter zündete ein Haus an, in das einen Tag später Flüchtlinge einziehen sollten. Ab Donnerstag steht er vor Gericht. Was passierte in der kleinen Gemeinde Escheburg?
Siehe Rest vom Artikel in Gänze; Quelle:
https://www.welt.de/regionales/hamburg/article140343312/Ein-Finanzbeamter-als-Biedermann-und-Brandstifter.htmlNormal ist das nicht. Dieser mentale Doomer-Modus wird im Artikel beschrieben. Er hat mich damals und einige Kollegen selbst damals ergriffen. Das war zu der Zeit wo viele auch in meinem Umfeld temporär eine noch relativ neue AfD (die aber IMO im Kern auch ganz anders drauf war als heute bzw. weniger extremistisch, auch wenn es damals schon gewisse Pappenheimer in ihr sowie starke Kritik vom gerade sehr linken Rand kam) wählen oder sich enthusiastisch damit befassten. Es war damals auch so, dass eh schon klassische extremistische Akteure ein gefundenes Fressen und vermutlich auch Zuwachs hatten.
Was ich einfach mit vielen Worten ausdrücken will ist, dass man ja sein Bauchgefühl haben mag - aber ganz ehrlich: Viele waren halt im Sinne ihrer Kritik und denkweise/Vormulierung tatsächlich Nazis oder irgendeine sonstige radikalisierte Vorstufe davon bzw. ohne NS-Bezüge extremistisch eingestellt, ob in Wort oder Tat oder wie auch immer. Ich denke, nuancierte Kritik die man eben gerade nicht aus einer extremistischen Bubble oder Filterblase geäußert hat, war immer und ist immer noch möglich. Darüber redet man aber scheinbar irgendwie ungern oder erkennt es nicht so an, als wenn man sich über reißerische Headlines oder die Extrembeispiele unterhält oder damit argumentiert.
Atheos schrieb:Dass der Verfassungsschutz eine dem Innenministerium unterstellte Behörde ist, das ist Fakt. Man will ihm zwar den Eindruck von Unabhängigkeit verleihen, indem man den Chef "Präsident" nennt, aber jeder weiß, dass er dem Minister
Wie stark der Verfassungsschutz aus dem Innenministerium heraus beeinflusst wird, das dürfte wohl nur für Insider zu erfahren sein. Da eine direkte und erkennbare Einflussnahme politischer Selbstmord wäre, ist davon auszugehen, dass Einflussnahme selten, und wenn, dann verdeckt geschieht. Dass es aber keine Einflussnahme gibt, davon dürfte kaum ein Mensch ausgehen.
Ich glaube mich dunkel an einen Artikel (wo weiß ich nicht mehr) zu erinnern wo jemand das mal umschrieb. Da war das Fazit dass der Einfluss - welcher genauen Art auch immer - theoretisch möglich ist aber eher soft oder so wäre etwa indem man über politische Schwerpunkte oder Personalzuwachs/Umwidmung theoretisch natürlich dann politische Schwerpunkte setzen könnte.
Die müssen aber halt am Ende immer noch vertretbar sein oder logisch verkauft werden können. Logisch abgeleitet werden können. So wird zum Beispiel auch kein Innenminister bzw. im weiteren Sinne eine Bundes- oder Landesregierung auf die Idee kommen, zu fordern, personelle Ressourcen in einen Bereich wie...was weiß ich, Scientology umzuwidmen wenn die derzeit gar kein relevantes Problem sind während woanders (Links, Rechts, Religion bzw. Islamismus) die Bude brennt. Hier kommt dann ferner oder spätestens auch eine kritische Medienlandschaft oder Öffentlichkeit ins Spiel. Und zusätzlich halt die Rechtsgrundlage: Kein Handeln ohne und auch nicht gegen Gesetz.
Was ich sagen will ist, dass einfach schon aus politischen und strukturell-rechtlichen Erwägungen heraus eine
widrige/unlautere Einflussnahme undenkbarer oder unwahrscheinlicher wird, auch wenn die Chance theoretisch nicht bei 0 liegt. Der Laden muss sich am Ende, egal wie ein Innenministerium bzw. Landes- oder Bundesregierung im weiteren Sinne eine Behördenleitung vielleicht "nudgen" mag, am Ende halt an gewisse Prozedere halten. Das gilt halt für jede Behörde. Wer das vorsätzlich umgeht muss sich am Ende im Zweifel vor einer kritischen Medienlandschaft, Öffentlichkeit und ggf. eben auch ggü. der Justiz rechtfertigen, die als andere Macht ja hier die Maßnahmen überprüft.
Deswegen ist das für mich halt so ein relatives (wenn in Teilen vielleicht initial nachvollziehbares) Notgroschen-Argument zu sagen "Aber die sind doch dem Innenministerium zugeordnet!" Will sagen, wenn man schon akut keine Befangenheit oder unlautere Einflussnahem konkret nachweisen kann wird quasi als Notgroschen auf formelle Abhängigkeit oder Zugehörigkeit verwiesen.
Naja so what, jede Polizeibehörde ist quasi auch am Ende nem Ministerium unterstellt. Trotzdem erwartet man, dass die ihre Arbeit nach Recht und Gesetz durchführen.
Oftmals habe ich den Eindruck, dass solche Debatten halt eher ein Politikum sind.
Natürlich müssen sich auch am Ende Politik und Behörden Kritik stellen. Keine Frage. Oftmals bleibt bei mir aber bei manchen - wen es betreffen möge - der Eindruck hängen, dass der Grund für Kritik halt eher ist:
"Die AfD wird kritisiert / kritisch eingeschätzt. Ich bin ihr eher bis sehr positiv gegenüber eingestellt und mir passt das (daher) nicht. Ich versuche, die Kritik abzuwiegeln oder jedwedes Haar in der Suppe, jede mögliche Angriffsfläche für Kritik an der Kritik bzw. den Kritikern oder meinem politischen Gegenüber zu finden."
Ohne zu sehr in Psychologie abzudriften (ich bin auch nur Hobbypsychologe) ist das für manche vielleicht auch eine mentale Coping bzw. Bewältigungsstrategie. Weil sie sich ja sonst Kritik an der AfD oder sich selbst in ihrem Denken oder ihrer Wahrnehmung eingestehen müssten und ein abstreiten für jene mentaler scheinbar genehmer ist. Das ist zumindest mein Eindruck nachdem ich über Jahre auch selbst tausende Argumente und Debatten dazu verfolgt habe, aktiv Teil davon war, und gesehen habe wie Menschen argumentieren und wie sie auf welchen Input reagieren.
Zur kognitiven Dissonanz (Bild):
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