Lepus schrieb:Ich würde gerne weitere Gründe erfahren, das fänd' ich interessant.
Ich bin zwar kein AfD-Wähler, aber einige Gründe fallen mir schon ein. Wenn man sich im Umfeld mal umhört, kriegt man viel mit, und das ist dann durchaus sehr aufschlussreich, um verstehen zu können, warum die vielen potenziellen AfD-Wähler so ticken, wie sie ticken.
Zunächst ist es illusorisch anzunehmen, es ginge diesen Leuten um eine positive Veränderung ihrer jeweiligen Situation - das würde zwar im Rahmen der allgegenwärtigen Mitnahme-Mentalität zwar billigend in Kauf genommen werden, wäre aber nur ein willkommener Begleiteffekt. Der primäre Impuls ist ein destruktiver: man will den etablierten Parteien deutlich machen, dass man sie nicht mehr in Verantwortung wissen will. Man ist mit ihnen fertig, schätzt sie als Versager ein und lehnt damit zugleich das politische System ab, welches durch diese Parteien repräsentiert wird.
Auf legalem Weg ist dieser destruktive Impuls am effizientesten durch die Wahl derjenigen Partei zu beschreiten, die diese prinzipielle System-Opposition nach außen hin kommuniziert. Im Unterschied zu linksextremen Parteien kommt die AfD weniger theorie- und ideologielastig daher, bedient daher einfachste intellektuelle Ansprüche und ist erfolgreich mittels Demagogie und Opportunismus, indem sie Stimmungen aufgreift, thematisiert und dann über Polarisierungen neue Stimmungen erzeugt. Auf diese Weise schließt sich ein Kreis, der sich als Feedback-Schleife selbst verstärkt.
Über diese Feedback-Schleife werden Erwartungen geweckt, die zwar nicht eingelöst werden können, aber deren Nichterfüllung dann das Narrativ der Ablehnung des politischen Systems bestärkt, welches nur noch als zu beseitigendes Hindernis begriffen wird. Das wiederum verstärkt die Hoffnungen auf eine Lösung mittels einer AfD-geführten Politik, die sich dem Systemkampf stellt, der als Kulturkampf begriffen wird (Wir - das Volk - gegen die, die uns mit dem Rechtsstaat gängeln).
Damit bin ich bei der Ost-Spezifik angelangt. Der Slogan "Wir sind das Volk" oder "Wir vollenden die Wende" u.a. ist dem Kampf gegen das SED-Regime der ehemaligen DDR im Herbst 1989 entnommen. Die Zeit nach dem Sturz der SED-Herrschaft, insbesondere nach der Währungsunion und nachfolgend mit der Praxis der Treuhandgesellschaft Anfang der 1990er Jahre unter Birgit Breuel wurde von den Ostdeutschen weitgehend traumatisch erlebt. Geglaubte Illusionen von "blühenden Landschaften", in denen es "keinem schlechter geht, dafür aber vielen besser" mündeten in die Desillusion angesichts erfahrener Arbeitslosigkeit und materiellem Abstieg in prekäre Verhältnisse.
Diese Enttäuschung führte zur Frustration und zur reflexhaften Ablehnung des westdeutschen Systems und allem, was damit zu tun hatte. Dieser antiwestdeutsche Reflex führte dazu, dass man erst bewusst die SED-Nachfolgepartei PDS mit 20 bis 30 Prozent in die Landesparlamente wählte bzw. zu einem erheblichen Anteil der Wahl überhaupt fernblieb. Nachdem sich die PDS als Linke in das Parteienspektrum etabliert hatte, verlor diese Art von Protestwahl ihren Reiz. Mit dem Aufstieg der AfD - im Kontext mit den PEGIDA-Spaziergängen in Dresden - bot sich ein neuer Stachel an, mit dem die Ossis die Wessis ärgern konnten.
Das Ausländer-Thema war im Osten seit den 1990er Jahren ohnehin präsent (Hoyerswerda 1991, Rostock-Lichtenhagen 1992) und musste über die PEGIDA-Bewegung nur für die AfD als politisches Thema erschlossen werden, was dann recht schnell erfolgte und zu einer fortschreitenden Radikalisierung des Führungspersonals durch Wechsel der Parteispitze führte (Lucke --> Petry --> Meuthen --> Weidel/Chrupalla). Das ohnehin virulente Ausländerthema fand nun Eingang in die politische Diskussion, wobei die Ereignisse des Jahres 2015 hier beschleunigend wirkten.
Über oben beschriebene Feedback-Schleife sind nun auch hier Erwartungen geweckt worden, was Remigration in großem Ausmaß betrifft. Die latent und unterschwellig vorhandene Xenophobie ist nun oberschwellig geworden. Nun wird sichtbar, was vorher verdeckt vorhanden gewesen ist. Die AfD präsentiert sich als Anwalt der kleinen Leute und die vielen kleinen Leute fühlen sich verstanden und vertreten, weil sie ja ebenso wie sie selber ein grundsätzliches Problem mit "denen da" haben, die da völlig abgehoben über die Köpfe hinweg debattieren und entscheiden.
Es ist diese gefühlte Arroganz der Etablierten, die unangenehme Erinnerungen weckt an die Zeit, als eben solche importierten westdeutschen Eliten und Beamten mit der gleichen Arroganz über die Angelegenheiten der Ostdeutschen entschieden und Fakten geschaffen hatten, die oft zum Nachteil von Ostdeutschen und dafür zum Vorteil von Westdeutschen gewesen waren. Die allgegenwärtige Regierungspraxis in Bund und Ländern wird als arrogant empfunden und triggert insbesondere die Ostdeutschen in großer Zahl dazu an, das etablierte System mit seinen etablierten Parteien zu stören, um es längerfristig zu zerstören. Die AfD ist dafür ein willkommenes Werkzeug, um diesem destruktiven Impuls wirkungsmächtig Ausdruck zu verleihen.
Am Ende ist aber jeder froh, wenn alles so bleibt wie es ist, denn es lebt sich auf den Dörfern recht bequem und komfortabel im Eigenheim mit Carport und SUV sowie Vorgarten und Swimming-Pool, wo man lieber unter sich bleibt ...