Füchschen schrieb:Die Beantwortung der Frage, ob der Neandertaler Impulsgeber für Homo Sapiens war oder umgekehrt oder ob alle Kulturerrungenschaften der jeweiligen Sapiense und Neandertaler nie ausgetauscht wurden, wird wohl lange auf sich warten lassen.
Nun ja, eigentlich ncht. Bis heute wird die Frage in der Fachwelt zwar nicht unisono, aber fast dahingehend beantwortet, daß es den innovativen Sapiens und den allenfalls abkupfernden Neandertalensis gibt. Lange Zeit wurde das Chatelperonnien als Sapienskultur, als Teil- oder Parallelkultur des Aurignacien betrachtet, bis es schließlich doch dem Neandertaler zugeordnet werden konnte (mußte). Dann hieß es, das sei nur ein abgekupfertes Aurignacien. Letztlich scheint das aber von einigen noch immer nicht akzeptiert zu werden. Eine TV-Doku zu den neuen Vogelfigur-Funden von diesem Jahr aus der Schwäbischen Alb brachte Aussagen von an der Ausgrabung beteiligten ForscherInnen, daß der Neandertaler konservativ bei seinen groben Werkzeugen geblieben sei, wohingegen der einwandernde Sapiens viele und filigrane Innovationen hervorbrachte.
Genauso schwadronnierense da, daß nur der Sapiens Kunst hervorgebracht habe. Und außerdem war dessen Speiseplan weit vielfältiger gewesen als der des Neandertalers. Dabei fanden Forschende schon vor Jahrzehnten heraus, daß der HN nur bei gutem Angebot seine bevorzugte Beute erjagte. Verschwanden diese, oder kam er in Gegenden ohne Mammut & co., aß er problemlos das, was die Umwelt anbot. An der Küste auch Robben, Delfine und Frutti di Mare.
Der schlimmste faux pas in Sachen Ernährung war mal eine Studie, die herausfand, daß der frühe europäische Sapiens in einer Zeit, als das große und auch mittlere Wild knapp wurde, sich zu einem beträchtlichen Teil von Kaninchen ernährte, der Neandertaler hingegen nicht. Erklärt wurde das damit, daß der Neandertaler mental nicht in der Lage war, sich auf Kaninchenjagd umzustellen. Man vermutete, daß ihm dazu die Sprache fehlte. - Ich weiß echt nicht, was die dabei geritten hat! Kaninchenjagd ist eine eher einfache Sache. Und ne Sprache brauchts dafür nicht, da geht es nicht um das Absprechen zwecks Aufgabenverteilung in einer komplexen Jagdstrategie (ein Mutterkaninchen mit Kaninchenkälbern von der Kaninchenherde abdrängen und in einen Hinterhalt jagen - oder wie stellen die sich das vor). Vor allem hätten diese "Experten" sich mal schlau machen sollen. Als ich den Artikel damals gelesen hatte, brauchte ich allenfalls 10 Minuten, bis ich über den "
Kaninchenhunger" gestolpert bin. Wie es scheint, war in Zeiten des Großwildmangels der Neandertaler der klügere, seinen Fleischbedarf
nicht auf Kaninchenmassen zu verlagern.
Na wie auch immer, daß der Neandertaler ausstarb und der Sapiens nicht, erklärten diese Experten dieses Jahr mit dem vielfältigeren Nahrungsspektrum. Der Sapiens hatte mehr Nahrungsquellen und konnte daher mehr Kinder durchbringen. Also verschwand der Neandertalensis. Daß in West- und Süd-Europa Neandertalensis und Sapiens gleichermaßen ausstarben, und das ziemlich gleichzeitig, das fanden Forscher schon in den frühen Nuller Jahren dieses Jahrhunderts im Stage-III-Project heraus, hab dazu 2006 einiges gelesen.
Es gibt noch zahlreiche weitere Fälle solcher Fehlinterpretation bzw. grob fahrlässige Vernachlässigung der Einsicht in Forschungsergebnisse anderer zum späten HN in Europa, über mehrere davon hab ich im Verlauf der Jahre hier immer wieder mal berichtet. Die Vorurteile über den tumben Neandertaler haben bis heute nicht aufgehört - in der Forscherzunft!
Füchschen schrieb:Homo Sapiens war früher in Europa als bisher angenommen wurde, sagt der Beitrag von ARTE in der
Dokumentation von Pascal Cuissot, Frankreich 2024.
Klar, weiß man, ziemlich lange schon. Die Sensation vom letzten Jahr, daß der Sapiens schon vor gut 45.000 Jahren z.B. bei Ranis in Europa lebte, war schon anfang der 20er Jahre bekannt, freilich mit anderen Fundorten. Dann gab es auch Funde, die einen europäischen Sapiens vor 54.000 Jahren aufzeigten (und wie ich grad sehe, meintest Du das). Und noch toller sowie noch älter die Erkenntnis vom Sapiens in Griechenland vor 210.000 Jahren. So what! Das weiß die Genetik nun auch schon seit nochmals längerem, daß sich HN und HS in den letzten paar hunderttausend Jahren mehmals begegnet sind und miteinander vermischt haben, erkennbar an Genen allgemein, aber auch speziell am männlichen Y-Chromosom sowie an der mtochondrialen DNA. Das heißt aber nicht, daß der Sapiens seit so langer Zeit in Europa lebt, sondern daß er da halt auch schon mal hier war - und wieder verschwand.