watnu schrieb:Vielleicht hofften die Täter, dass man die wenigen verwendeten Typen keiner Schreibmaschine zuordnen kann.
Das ist grundsätzlich möglich. Aber wenn man das glaubt, dann hätte man sehr wahrscheinlich die Adresse mit so wenig Redundanz darauf geschrieben, wie irgend möglich. Schon das Wort "Lehrer" macht diese Theorie weniger wahrscheinlich. Wahrscheinlich hätte Initialen, Postleitzahl und Straße ausgereicht.
Ich denke daher, dass sie angenommen hatten, dass diese Schreibmaschine nicht gefunden wird. Diese Annahme wäre auch erfüllt worden. Aber dann bleibt es rätselhaft, warum für den Erpresserbrief dieser Aufwand getrieben wurde.
watnu schrieb:Mir fallen zwei Gründe dafür ein, die Schreibmaschine zu benutzen:
1.
Wenn U. ein Zufallsopfer war, hatte man nicht mehr viel Zeit für die Bastelarbeit gehabt.
2.
Zeitungsschnipsel auf dem Umschlag wären auffällig gewesen. Zumindest der Postbote/die -botin hätte das ungewöhnliche Design bemerkt. Damals war das Postpersonal oft langfristig im selben Gebiet tätig, man kannte sich und hielt auch mal ein Schwätzchen. Vielleicht wollten die Entführer das Risiko ausschließen, dass er/sie den Familienmitgliedern in der nächsten Zeit anmerkt, dass sie in einem Ausnahmezustand sind. Die EntführerInnen wollten die Einschaltung der Polizei verhindern, und deshalb evtl. auch Gerede am Ort vermeiden.
Also ich halte da 1. am wahrscheinlichsten, ganz unabhängig davon, ob sie wirklich glaubten, dass die wenigen Buchstaben die Identifikation der Schreibmaschine nicht ermöglichten.
2 ist deutlich weniger wahrscheinlich, da hätten dann - wäre ihnen das Opfer bekannt - nicht so lange gewartet, der Opferfamilie eine Nachricht zu übermitteln. Das hätte dann schon lange bevor es in der Presse bekannt war erfolgen müssen. So mussten die Täter davon ausgehen, dass die Polizei schon eingeschaltet war.
EdgarH schrieb:Meine Meinung: der Zeitversatz hatte praktische Gründe, der Täter kam aus anderen Gründen nicht vorher dazu. UH war kein Zufallopfer. Ich halte es einfach für unwahrscheinlicher, dass man jemand auf „gut Glück“ entführt und dann in einem vom Zufall abhängigen Verfahren herausfindet, wer das Opfer ist.
Wenn man sich das Opfer wirklich ausgesucht hat, löst diese Theorie auch nicht diese Frage. Zwar hat die Familie über Bekannte/Verwandte diesen Betrag erhalten. Aber konnten das die Täter voraussetzen? Man hätte dazu Einblick in diesen Kreis erst haben müssen. Einen Überblick darüber hätte nur ein Täter aus diesem Kreis. Aber selbst dann kann man deren Bereitschaft zu helfen nicht einschätzen.
Möglicherweise glaubten die Täter schon durch die Wahl des Entführungsortes, dass ihnen da ein Kind aus einer vermögenden Familie ins Netz geht. Man weiß es nicht.
camelot schrieb:Man gräbt nicht ein Loch im Wald, baut eine Kiste, setzt zahlreiche andere Maßnahmen und wählt dann ein Zufallsopfer aus.
Das weiß man nicht. Wäre bei einem bekannten Opfer dieser Aufwand überhaupt notwendig gewesen? Dieser lange Weg bedeutete ein erhebliches Risiko für eine Entdeckung. Wäre das Opfer nicht bei der Tante gewesen, wäre sie deutlich früher gekommen, wo die Gefahr der Entdeckung deutlich höher gewesen wäre. Der Grund für den Aufwand bzgl. der Kiste und des langen Weges könnte sich allein dadurch ergeben, weil die Täter keine andere Unterbringungsmöglichkeiten hatten.
Aber man darf auch nicht vergessen, die Theorien, welche mit den wenigsten nicht beweisbaren Behauptungen auskommen, werden normalerweise priorisiert (Ockhams Rasiermesser). Und eigentlich gibt es schon sehr viele nicht belegbare Behauptungen, die erfüllt sein müssten, wenn das Opfer ausgesucht wurde.
Bei einem Zufallsopfer ergeben sich weitaus weniger nicht belegbarer Annahmen - oder es lag in Wirklichkeit doch eine Verwechselung vor. Aber dem widerspricht, dass der Telefonnummer erst nachträglich eingesetzt wurde.
Es ergeben sich in Wirklichkeit deutlich mehr Fragen, welche man nur spekulativ beantworten kann, wenn man nicht an ein Zufallsopfer glaubt.