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Die Hufeisentheorie

Die Hufeisentheorie

14.03.2020 um 13:33
"Keine Nazis" zählt zu den grossen Lebenslügen der DDR. Sowohl in Wirtschaft, Politik, Kultur und Militär sassen gewendete Faschisten. Wie im Westen griff man beim Wiederaufbau auf "bewährte" Leute zurück. Dazu empfehle ich jedem das "Braunbuch DDR" aus den späten Siebzigern. Vielleicht gibt's das noch antiquarisch. Unabhängig davon gab es eine, wenn auch verdeckte, faschistische Opposition, zumindest in den Achtzigern, als es unter einigen Jugendlichen als chic galt, "rechts" zu sein. Auf diese Strukturen konnten die West-Faschisten nach 1989/90 zurückgreifen.


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Die Hufeisentheorie

14.03.2020 um 13:41
DerKlassiker schrieb:Ein moralisches Überlegenheitsgefühl ist m. E. niemals berechtigt, denn Moral ist immer auch eine Frage persönlicher Prioritäten.
Das schreibst Du wohlwissend, dass es die Shoa gab?
Mit was willst Du denn den Holocaust vergleichen?
Oder es wie Gauland machen?

Natürlich sind Überlegenheitsgefühle völlig fehl am Platz!
Da die Mitte der Gesellschaft die Nazis wählte.
Und wie wir sehen, immer noch nicht weit davon entfernt ist.

Aber Demut täte Rechten echt gut!


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Die Hufeisentheorie

14.03.2020 um 13:48
DerKlassiker schrieb:Die zu großen Teilen überambitionierten gesellschaftlichen Vorstellungen einer vorausgesetzten Gleichheit lassen sich in einem pluralistischen Gepräge nicht umsetzen.
Das kommt darauf an, was man unter pluralistisch versteht. Eine liberale Demokratie kann auch nur dort existieren, wo sie eine entsprechende Akzeptanz hat und zudem effektiv alle iliberalen Elemente im Zaum hält.
DerKlassiker schrieb:Auch heutzutage sind es übrigens mehrheitlich Linke, die andere Menschen einkerkern und umbringen, weil sie nicht der gleichen Meinung sind bzw. sich einfach nicht von ihnen einkerkern und umbringen lassen wollen, siehe China und Nordkorea, die bekanntermaßen von kommunistischen Parteien regiert werden.
Ich finde es überaus problematisch, wenn man alle Menschen, die sich im linken Meiningsspektrum bewegen hier in Sippenhaft nimmt. Linke Diktaturen waren überall auf der Welt das Ergebnis des sog. "demokratischen Zentralismus" der von Lenin allen in der KomIntern organisierten Parteien aufoktroyiert und später von Stalin als linker Neobonapartismus vollends ad absurdum geführt wurde. Wir haben es also mit einem verheerenden staatstheoretischen Moment zu tun, der aus einer ganz bestimmten ideengeschichtlichen Linie des linken Spektrums kommt. Das linke Opposition diesen Regimen ebenfalls zum Opfer fiel, wird dabei gerne ausgeblendet.
Linke Positionen werden erst da problematisch, wo sie zum Zwecke ihrer Ziele auf Mittel zurückgreifen, die den eigenen humanistischen Grundsätzen der aufklärerischen Tradition widersprechen. Im rechten Spektrum hingegen gibt es keine demokratische Integrität. Generell gibt es selbst im Konservatismus überhaupt erst seit dem Ende des zweiten Weltkriegs so etwas wie einen bürgerlichen Verfassungspatriotismus. Zuvor bestand die Rolle des Konservativen in der Restauration und später im Steigbüglehalten für Faschisten. Genau deshalb taugt die Hufeisentheorie ja auch nur als Stichwortgeber für behördliche Ordnungssysteme. Denn wer sagt denn, daß ein Maoist linker ist als ich? Weil er autoritär ist? Das ist ein Zirkelschluss.


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14.03.2020 um 14:15
DerKlassiker schrieb:Die Französische Revolution forderte zwar neben "Liberté" und "Fraternité" auch "Égalité", diese war jedoch prinzipiell verwirklicht, als das bis 1789 fest etablierte Ständesystem beseitigt wurde. Ob die französischen oder die US-amerikanischen Revolutionäre aus heutiger Sicht als links gelten würden, ist zudem stark zu bezweifeln.
Aus damaliger Sicht waren sie übrigens tatsächlich links, da dort der Liberalismus und Republikanismus verortet wurde, bevor beide staatstragende Hegemonie erlangten und zur Positionen der Mitte wurden. Diese Zuteilungen sind nicht absoluter, sondern historischer Natur.


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14.03.2020 um 14:19
Natürlich mussten den Herrschenden Forderungen nach Liberté, Fraternité, Égalité und Kamillentee "links" vorkommen, ebenso wie Sklavenhaltern die Abschaffung der Sklaverei oder Feudalherren die Abschaffung der Leibeigenschaft. Veränderungen im Sinne einer Demokratisierung und Teilhabe sind immer eher "links" als "rechts".


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14.03.2020 um 17:32
paranomal schrieb:Das kommt darauf an, was man unter pluralistisch versteht. Eine liberale Demokratie kann auch nur dort existieren, wo sie eine entsprechende Akzeptanz hat und zudem effektiv alle iliberalen Elemente im Zaum hält.
Richtig, es kommt auf die Akzeptanz an. Wie ist die herzustellen? Doch wohl nur über den Konsens oder irre ich mich?
paranomal schrieb:Ich finde es überaus problematisch, wenn man alle Menschen, die sich im linken Meiningsspektrum bewegen hier in Sippenhaft nimmt.
Nun drehe das mal um. Meinst du, die "Rechten", die auch weniger einen homogenen Block darstellen, sondern sich doch eher aus denen konstituieren, die nicht dezidiert links sind, wollen allesamt in Sippenhaft mit dem NS-Regime genommen werden, das zudem seit nunmehr acht Jahrzehnten gar nicht mehr existiert? Hier machen es sich Linke viel zu einfach, einen moralischen Imperativ zu etablieren, der allen, die ihrer Linie nicht folgen, derart Abseitiges und Bösartiges wie eine irgendwie geartete Nähe zu diesem Regime unterstellt.
paranomal schrieb:Das linke Opposition diesen Regimen ebenfalls zum Opfer fiel, wird dabei gerne ausgeblendet.
Das gibt es umgekehrt ebenso. Stauffenberg war gewiss kein Linker, der Kreisauer Kreis war auch konservativ.
paranomal schrieb:Im rechten Spektrum hingegen gibt es keine demokratische Integrität.
Das heißt, eine Demokratie kann auch heute ausschließlich vom linken Meinungsspektrum repräsentiert werden?
paranomal schrieb:Aus damaliger Sicht waren sie übrigens tatsächlich links, da dort der Liberalismus und Republikanismus verortet wurde, bevor beide staatstragende Hegemonie erlangten und zur Positionen der Mitte wurden. Diese Zuteilungen sind nicht absoluter, sondern historischer Natur.
Das bedeutet aber, es ist Bewegung drin. Wir haben heutzutage keine anschlussfähige politische Strömung, die den Absolutismus restaurieren will, das 18./19. Jh. ist vorüber. Das heutige Spannungsverhältnis von Konservativismus und Progressismus bewegt sich einwandfrei im demokratischen Bereich. Auch wenn es in beiden Spektren durchaus autoritäre Elemente geben mag, eine Grundakzeptanz des demokratischen Systems ist vorhanden, das ist doch schonmal etwas.


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15.03.2020 um 15:18
DerKlassiker schrieb:Richtig, es kommt auf die Akzeptanz an. Wie ist die herzustellen? Doch wohl nur über den Konsens oder irre ich mich?
Auch der Konsens benötigt einen gewissen "Wertekanon". Man kann bestimmten Positionen zwar eine gewisse Toleranz schenken, kann diese jedoch nicht maßgeblich in den Prozess der Entscheidungsfindung einbinden.
DerKlassiker schrieb:Meinst du, die "Rechten", die auch weniger einen homogenen Block darstellen, sondern sich doch eher aus denen konstituieren, die nicht dezidiert links sind
Also hier sehe ich bereits ein Problem mit der Definition. Demnach wären auch Liberale rechts.
DerKlassiker schrieb:wollen allesamt in Sippenhaft mit dem NS-Regime genommen werden, das zudem seit nunmehr acht Jahrzehnten gar nicht mehr existiert? Hier machen es sich Linke viel zu einfach, einen moralischen Imperativ zu etablieren, der allen, die ihrer Linie nicht folgen, derart Abseitiges und Bösartiges wie eine irgendwie geartete Nähe zu diesem Regime unterstellt.
Daher verweise ich ja auch gerne auf die Mannigfaltigkeit des Faschismus. Dieser ist weitaus mehr als bloß Hitler und Mussolini. Jemand ist nicht erst dann problematisch, wenn er KZs errichtet, sondern schon dann, wenn er mit seinen Forderungen hinter die Errungenschaften der liberalen bürgerlichen Gesellschaft zurückfällt. Also wenn er die Freiheiten von bestimmten Personengruppen aufgrund von angeborenen oder zugeschriebenen Merkmalen beschneiden möchte. Zudem ist auch heute der Zivilisationsbruch nicht gebannt und die Gefahr der Volksgemeinschaft (und kulturellen Varianten wie der Umma) stehen nach wie vor im Raum.
Wenn man Rechts enger fasst als du es jetzt tust, dann findet man dort keine Positionen, die für den Erhalt der bisherigen zivilisatorischen Stufe eintreten. Maximal könnten bestimmte Formen des Konservatismus dies für sich verbuchen.
DerKlassiker schrieb:Das gibt es umgekehrt ebenso. Stauffenberg war gewiss kein Linker, der Kreisauer Kreis war auch konservativ.
Stauffenberg war zwar gegen Hitler, aber trotzdem ein überzeugter Nazi.
DerKlassiker schrieb:Das heißt, eine Demokratie kann auch heute ausschließlich vom linken Meinungsspektrum repräsentiert werden?
Von einem Spektrum das den größten Teil des rechten Spektrums und die autoritären Spielarten des linken Spektrums ausschließt.
DerKlassiker schrieb:Das heutige Spannungsverhältnis von Konservativismus und Progressismus bewegt sich einwandfrei im demokratischen Bereich.
Das ist mir jetzt zu unkonkret um dazu etwas zu sagen.


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15.03.2020 um 15:56
DerKlassiker schrieb:Das heutige Spannungsverhältnis von Konservativismus und Progressismus bewegt sich einwandfrei im demokratischen Bereich.
Das ist mir jetzt ebenfalls zu unkonkret um dazu etwas zu sagen.Und zwar mit folgender Begründung:
DerKlassiker schrieb:Ein moralisches Überlegenheitsgefühl ist m. E. niemals berechtigt, denn Moral ist immer auch eine Frage persönlicher Prioritäten. Es bedarf eher einer Analyse der gesellschaftlichen Realitäten auch der Gegenseite. Anderen einfach die eigenen Moralvorstellungen aufzupropfen und sie aus dieser Position abzuqualifizieren ist unter moralischen Gesichtspunkten schließlich auch wieder problematisch.
eckhart schrieb:Das schreibst Du wohlwissend, dass es die Shoa gab?
Mit was willst Du denn den Holocaust vergleichen?


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