kuno7 schrieb am 23.04.2026:aber es gibt imho aber keinen Grund anzunehmen, dass man diese Ungleichheit nich auch verkleinern könnte
Du konzentriert dich hier auf Ungleichheit. Die meisten Leute konzentrieren sich auf Ungleichheit in ihrer Rhetorik und nicht was diese Ungleichheit überhaupt erst erzeugt.
Du bedienst hier irgendwie so ein ziemlich gängiges, sehr breit verbreitetes Narrativ: Die wollen weniger Steuern für Reiche und wir wollen mehr Steuern für Reiche und damit würden wir gegen die Ungleichheit arbeiten. Und das stimmt auch. Nur löst Ungleichheit das Problem nicht.
Warum löst Ungleichheit und Ungleichheitsbekämpfung das Problem nicht?
Naja, ganz einfach, weil wir in einem System leben, das auf Mehrwertproduktion überhaupt erst beruht. Wenn du Ungleichheit anprangerst und dir eine gerechtere und gleichere Verteilung wünscht, dann akzeptierst du trotzdem Lohnarbeit.
Egal wie fair Lohnarbeit ist, egal wie gerecht Lohnarbeit ist, es ist immer Lohnarbeit und damit wird sie immer Ungleichheit erzeugen. Warum?
Weil es immer einen Mehrwert geben wird. Es gibt immer mehr Wert, als man als Lohn ausgezahlt bekommt. Die Arbeit erzeugt also immer mehr Wert, als man als Lohn ausgezahlt bekommt. Das ist immer so.
Und dadurch entsteht automatisch eine Gesellschaft mit sehr vielen, die nichts bis wenig haben und einigen wenigen, die sehr viel besitzen. Das ist systemisch gewollt.
Gegen die Ungleichheit zu kämpfen akzeptiert ja trotzdem diese Grundsätzlichkeit, verstehst du?
Jetzt könnte man fragen, warum man dann nicht einfach Arbeiter durch Maschinen ersetzt?
Wel Maschinen keinen Mehrwert erzeugen können. Mehrwert können immer nur Arbeiter erzeugen, weil Maschinen kein Lohn ausgezahlt wird. Und Mehrwert ist immer das, was mehr durch Arbeit erzeugt wird, als der Lohn, den man bekommt.
Der Grund, warum Kapitalisten trotzdem eine komplette maschinelle Produktion wollen und Staaten das teilweise sogar verhindern, ist, weil Maschinen nicht konsumieren.
Und um das System am laufen zu halten, brauchen wir konsumfähige Menschen im Binnenmarkt.
Und deswegen ist in einer kapitalistischen Gesellschaft auch eine automatisierte Produktion, die für die Gesellschaft gut wäre, unmöglich und wird mit allen Mitteln verhindert.
Und in dem Fall arbeiten die Staaten auch gegen das Interesse von einzelnen Kapitalisten. Da geht es um Standortsschutz, um Binnenmarktschutz, teilweise gegen das Interesse von einzelnen Firmen oder einzelnen Kapitalisten. Und das ist die Erkenntnis: Der Staat ist nicht nur bloßes Werkzeug. Er hat einen eigenen Herrschaftsanspruch. Er hat einen eigenen Schutzanspruch für seinen Standort, für seinen Binnenmarkt, für das Innlandskapital.
Und deswegen kannst du dich den ganzen Tag auf den Kopf stellen und kannst irgendwie eine gleiche Verteilung oder eine höhere Besteuerung von Reichen fordern. Es wird nicht passieren. Warum?
Ganz einfach: Weil sie den Standort gefährden würden. Der Staat ist darauf angewiesen, dass Kapitalisten ihre Kapitalinteressen durchsetzen, weil der Staat immer Wachstum will.
Ich versuche mal so ein bisschen das Eigeninteresse des Staates zu skizzieren. Frag dich mal, ob es sowas wie Konkurrenz unter Staaten gibt und warum Staaten miteinander konkurrieren und dann frag dich, wie Staaten miteinander konkurrieren?
Und wenn du dir diese Fragen stellst, dann wirst du schnell feststellen, warum Staaten ein gewaltiges Eigeninteresse daran haben, dass Kapital in ihren Ländern am Standort des Staates akkumuliert werden. Staaten haben immer einen eigenen Machtanspruch.
Der Staat hat kein Interesse daran, Unternehmen hoch zu besteuern oder Vermögen hoch zu besteuern oder sonst irgendwas hoch zu besteuern. Der Staat hat durchaus ein Eigeninteresse. Der Staat als solches ist interessiert an Wachstum des Kapitals.
Und deswegen kann man sich nicht darauf verlassen, dass der Staat ein Verbündeter im Kampf gegen Kapital sein wird. Das wird nicht passieren.
Wenn du systemisch Steuern erheben würdest gegen Reiche, wenn du systemisch Steuern erheben würdest gegen Unternehmen, wenn du da tatsächlich auf einer systemischen Ebene irgendetwas verändern würdest, wenn du als Staat Anspruch auf Kapitaleigentum erheben würdest, da würdest du den eigenen Standort gefährden.
Du musst einfach verstehen, dass die Kapitalakkumulation, also wenn Unternehmen Gewinn machen und wenn Reiche immer reicher werden, dann geht es dem Staat gut, dann ist der Staat produktiv.
Jede Staats- und Herrschaftsform hat ein Ziel und zwar in den allermeisten Fällen sogar das gleiche. Es geht allen Staaten darum, im internationalen Staatenwettkampf besonders gut dazustehen und die Art und Weise, wie das erreicht wird, also die Methodik, da unterscheiden sich Demokratien und Diktaturen selbstverständlich, aber eben auch nicht so sehr, wie man das zu denken vermag.
kuno7 schrieb:Ich möchte die SM in Deutschland gern noch sozialer, als sie das vor 50Jahren schon mal war.
Damals gab es enorm hohe Vermögensabgaben, enorme Einkommensbesteuerung für Spitzenverdiener, Vermögenssteuer usw. Das war eine krasse Umverteilung von der kapitalistischen Klasse hin zur Arbeiterklasse.
Man muss aber bedenken, was nach dem Zweiten Weltkrieg passiert war: Alles lag in Trümmern, alles war zerbombt, und die kapitalistische Klasse profitierte davon. Damals herrschte in Deutschland die Stimmung, dass die Kapitalisten jetzt herangezogen werden müssten, dass sie zahlen mussten. Dadurch, dass Deutschland quasi einen Reset durchgemacht hatte - die alten Strukturen und Vermögensverhältnisse zu Schutt zerfallen waren - konnte man diese enormen Abgaben und Steuerbelastungen für Reiche durchsetzen.
Aber seitdem diese Steuerbelastungen für reiche Menschen eingeführt wurden, hat sich die Entwicklung konsequent und permanent in die entgegengesetzte Richtung bewegt: hin zur Enteignung der Arbeiterklasse und Privilegierung der besitzenden Klasse. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat sich das - egal wer regierte - immer nur in diese eine Richtung entwickelt.
Und warum? Weil Deutschland in der internationalen Staatenkonkurrenz bestehen muss.
Die Älteren erinnern sich vielleicht, dass Deutschland in den 1990er Jahren der kranke Mann Europas war. Die Wirtschaft war lahm, Deutschland konnte sich international nicht gut aufstellen, die Steuereinnahmen sprudelten nicht. Es gab große Probleme. Dann kamen Gerhard Schröder und die Grünen, machten die Agenda-Politik, zerschlugen den starken Sozialstaat, drückten die Löhne und schufen einen riesigen Niedriglohnsektor – und das machte Deutschland zum Exportweltmeister. Und weil die Arbeiterklasse enorm verarmte, konnte Deutschland gewinnen.
Man kann das System nicht umkehren. Würde man die Agenda-Politik einfach zurückdrehen und sagen: „Wir bauen wieder diesen enorm starken Sozialstaat!“, dann wäre Deutschland in kürzester Zeit wieder der kranke Mann Europas.