R.d.R schrieb:Man könnte geradewegs meinen...
dass mit der Zeit weniger Presseberichte bzw. -anfragen zu einem spektakulären Tötungsdelikt erfolgen, wenn es aufgeklärt und ein Täter verurteilt ist. Unaufgeklärte Fälle erwecken mehr Aufmerksamkeit. Ich denke, wenn MH am Urteil gegen W.M. keine Zweifel gehabt hätte, wäre dieser Fall auch nicht so lange öffentlich präsent geblieben, was vielleicht manchen Personen recht gewesen wäre.
Schon direkt am Tatort stand die Furcht vor mächtigeren Personen/Vorgesetzten der Fallaufklärung entgegen:
Folge 1 des u. g. BR-Podcasts, O-Ton des Polizisten am Tatort: Er ärgerte sich Jahre später noch über die Spurenvernichtung. Obwohl er für die Absperrung gesorgt habe, führte der Pressesprecher der Polizei ca. 10 Pressevertreter hin (Fotos der Kiste in div. Medien). Er habe sich damals (auf niedriger Hierarchiestufe) nicht getraut, gegen die Anordnung der Polizeiführung zu insistieren.
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R.d.R schrieb:H.W. ist und bleibt ein absoluter Kandidat. Die aufgestellte Indizienkette erscheint weitaus stimmiger als die von W.M. Er hatte ja auch einen Bruder, der damals angehender Arzt war und somit sicherlich auch weitergehende Kenntnisse im Bereich Sedierung besaß.
Der Bruder beschwerte sich bei Edmund Stoiber (Folge 3). …
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R.d.R schrieb:Im Bereich des LEH sehe ich ebenfalls eine große Baustelle, weil die Polizei dort - auch welchen Gründen auch immer - damals zu wenig und zu spät ermittelt hat. Es geht dabei ja nicht nur um den Klingeldraht und das Wahrscheinlichkeitsdiagramm, sondern auch um den mit Bitumenfarbe beschichteten Deckel der Kistenabdeckung, der seinen Ursprung in der väterlichen Firma von einem der beiden Drahtfinder haben könnte.
Gründe sind lt. Folge 6 in der Polizeiakte vermerkt: Die Polizei rechnete schon vorab mit schwierigen Ermittlungen im LEH, weil unter den SchülerInnen Kinder einflussreicher Personen waren.
Wenn ich es richtig verstanden habe, mussten die Polizisten, an dem Tag, als sie nach einem langen Zeitraum am LEH waren und den Klingeldraht überreicht bekamen, zuerst 1,5 Stunden warten, bis der Internatsleiter zu ihnen kam.
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Origines schrieb:Geständnis nur zusammenfassend protokolliert wurde
Es war kein Protokoll, das während der Vernehmung entstand. Es existiert nur ein nachträglicher Aktenvermerk. In den 80er-Jahren war der Belastungszeuge laut den beiden Polizeibeamten ein notorischer Lügner, Alkoholiker und unglaubwürdiger Zeuge, der mehrere Versionen erzählte. (u. a. Folge 2)
Der Verteidiger von W.M., Walter Rubach, kritisierte u. a., dass die Vernehmungen verheerend geführt wurden und Pf. suggestiv befragt wurde. (Folge 4)
Gestern habe ich
@robernd zitiert, dass der im Zivilprozess aussagende Ermittler Pf. als psychopathischen Alkoholiker, dem man nichts glauben durfte, bezeichnete.
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EdgarH schrieb:wenn ein Gericht zu der Auffassung kommt, dass eine widerrufene Aussage doch in seinen Augen als wahrhaftig anzusehen ist,
Fehlurteile wie die, die wohl ohne die engagierte RAin Rick nicht aufgehoben worden wären, hätten uns vermutlich auch überzeugt.
In Folge 2 wird eine Vernehmungssituation beschrieben, während der es Pf. nicht gut ging und er zitterte. Als Heilmittel sagte er, "geben sie mir ein Glas Bier …". Ob er es bekam, wird nicht gesagt. Deshalb überlegte ich gestern, ob er unter Suchtdruck vernommen wurde.
Im Verfahren gegen W.M. wurde o. g. Hauptbelastungszeuge (post mortem) gesundgeschrieben, da er damals vom Landgerichtsarzt untersucht worden sei. Seine Alkoholabhängigkeit wurde nun marginalisiert. Offenbar wurde in den 80er Jahren die ärztliche Einschätzung aber anders gewertet.
Offensichtliche Widersprüchlichkeiten im Verfahren sind m. E. nicht nur dem Angeklagten anzulasten.
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EdgarH schrieb:Das ein Fernglas an der Entführungsstelle mit hoher Wahrscheinlichkeit etwas mit der Tat zu tun hat liegt auf der Hand. Das WM ein solches hatte es aber leugnete macht ihn nicht unverdächtiger.
Falls ihm das Fernglas tatsächlich nicht gehört haben sollte, hat er die Wahrheit gesagt. Es könnte auch von einem anderen (Mit-)Täter benutzt worden sein oder nichts mit dem Fall zu tun haben. Tätern ist daran gelegen, keine Spuren zu hinterlassen. Wären sie wirklich so dämlich gewesen, einen rel. großen Gegenstand liegen zu lassen?
Umso erstaunlicher ist aber, dass es nicht auf DNA untersucht wurde, zumal man es am Auge nutzt, also einer Körperregion, die man nicht bedecken kann wie die Hände.
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R.d.R schrieb:- W.M. schließe ich als Täter grundsätzlich nicht aus, aber es gibt halt auch etliche Punkte, die einfach nicht zu ihm passen. Dazu gehört z.B. der Kontaktabbruch nach dem 2. Erpresserbrief. Lt. Meiner Einschätzung hätte er trotzdem versucht die Sache weiter durchzuziehen.
Ursulas Mutter fragte amTelefon nach einem Lebenszeichen. Das hätte er nicht erbringen können.
Guter Einwand der Journalistin: Wieso sollte W. M., die Tat so gut vorbereiten, sich aber kein stichhaltiges Alibi beschaffen? (Folge 6)
Dass W.M. bei der ersten Befragung nicht gleich wusste, wo er zur Tatzeit war, halte ich eher für glaubwürdig. Auch, dass Zeugen sich nicht mehr genau an ein Datum oder Uhrzeiten erinnern. Im Liebs-Thread habe ich dazu u. g. Quelle verlinkt.
U. g.
watnu schrieb am 13.02.2026:Wahrnehmung und Erinnerung sind lückenhaft und subjektiv
Wie genau sind Augenzeugen-Aussagen?
(…)
An welcher Stelle spielt uns unsere Wahrnehmung einen Streich?
Peter Marchlewski: Je weniger ich mich auf eine Aufgabe konzentriere, umso schlechter kann ich mich erinnern. Besonders gefahrgeneigt sind daher alle Tätigkeiten, die ich jeden Tag geradezu ritualisiert erledige. Hier ist es nahezu unmöglich, gestern von heute oder andersherum zu unterscheiden.
Quelle: https://www.polizei-dein-partner.de/infos-fuer/gewerbetreibende/detailansicht-gewerbetreibende/artikel/wie-genau-sind-augenzeugen-aussagen.html
EdgarH schrieb:Ich bin da hin- und hergerissen!
Das bin ich auch, zwischen den drei möglichen Täter(gruppen). Das heißt, dass die Gedanken, die ich jeweils äußere, nur dem Austausch dienen sollen, ohne dass ich selbst darauf festgelegt bin.
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R.d.R schrieb:Alternativ habe ich mir auch schon die Frage gestellt, ob H.W. vielleicht doch etwas gesehen hat und deshalb in den weiteren Ablauf "integriert" wurde...
Auf die Idee bin ich noch nicht gekommen. Dass sich regelmäßige Besucher des Waldgebiets über den Weg laufen und kennenlernen ist auch nicht ganz ausgeschlossen.
Unbedingt anhören!
https://www.ardsounds.de/sendung/entfuehrt-der-fall-ursula-herrmann/urn:ard:show:1053ecd1c742263e/Thx für den Link. Der Podcast ist hörenswert und informativ. Richter Rothermel kommt auch zu Wort.