Ich bin zufällig über diesen Fall gestolpert und dann hängengeblieben. Auslöser war, dass ein bekannter Kabarettist damals zwei Wochen als Mordverdächtiger in Haft saß — den Namen lasse ich bewusst weg, er steht in den verlinkten Quellen, der Verdacht war falsch und das Verfahren wurde eingestellt. Je länger ich gelesen habe, desto mehr hat mich der Fall selbst interessiert: die Ermittlungsarbeit, die Rolle der Boulevardpresse, und dass die Sache bis heute offen ist.

Der Fall

Am 25. Juli 1966 wurde Luise Nährlich im Großen Tiergarten nahe der damaligen Kongresshalle erwürgt aufgefunden.

Eine Zeugin brachte einen roten Citroën ins Spiel. Hier weichen die Quellen allerdings ab: Nach der Darstellung von Focus und den Getty-Bildunterschriften sagte sie aus, das Opfer sei am Savignyplatz in einen solchen Wagen gestiegen. Der zeitgenössische Zeit-Artikel legt dagegen nahe, dass die Kronzeugin selbst in dem Auto saß — Bild zitierte sie mit "Ich saß in dem roten Auto" und schrieb, eine junge Frau sei nur knapp dem Tod entronnen. Welche Version stimmt, ist von außen nicht zu klären.

Der Verdächtige fuhr einen weinroten Citroën und räumte ein, in jener Nacht am Savignyplatz gehalten und eine Prostituierte angesprochen zu haben — bestritt aber jeden Kontakt zum Opfer.

Festnahme in der Nacht zum 3. August, Aufhebung des Haftbefehls nach mehrstündiger Haftprüfung am 17. August. Die Zeugin war siebenfach vorbestraft, unter anderem wegen vorsätzlicher Falschaussage. Weitere Indizien gab es nicht. Verfahren 1967 eingestellt. Der Mord ist bis heute ungeklärt.

Die Presse-Geschichte

Bild fuhr am 4. August eine dreiseitige Kampagne — Schlagzeile "Sie sind verhaftet!", ein Interview mit der Ehefrau des Verhafteten, dazu eine Reportage, die die Hände des Verdächtigen beschrieb und dabei erwähnte, dass das Opfer erwürgt wurde. Sechs Berliner Bühnen verhängten daraufhin Hausverbot gegen die Autorin. Kai Hermann hat das damals in der Zeit unter dem Titel "Anatomie eines Rufmords" aufgearbeitet.

Bemerkenswert: Vier Wochen zuvor hatte dieselbe Zeitung Waldemar Wohlfahrt als "Autobahn-Mörder" auf die Titelseite gesetzt, mit Foto, Wohnanschrift und Autokennzeichen. Ebenfalls falsch, ebenfalls rotes Auto (ein Mercedes). Wohlfahrt verklagte den Springer-Verlag, dessen Chefredakteur und acht Redakteure auf 200.000 Mark Schmerzensgeld; laut Wikipedia wurde ihm wegen der Berichterstattung mehrfach Schmerzensgeld zugesprochen, den Ausgang dieses konkreten Verfahrens habe ich nicht ermitteln können.

Was mich interessiert

Die vernachlässigte Spur. Laut der Focus-Darstellung von 2017 kritisierte der Verdächtige bei seiner Haftentlassung, die Polizei sei einem Mann nicht nachgegangen, der Luise Nährlich schon früher überfallen hatte und wenige Tage vor der Tat aus der Haft entlassen worden war. Wichtig: Das ist eine Äußerung des Beschuldigten, wiedergegeben in einem Artikel von 2017 ohne Quellenangabe. Im zeitgenössischen Zeit-Text von 1966 kommt sie nicht vor. Ob es diesen Mann gab, ob er aktenkundig war und ob er je vernommen wurde, ist von außen nicht überprüfbar. Falls jemand mehr weiß: Das wäre der interessanteste Punkt am ganzen Fall.

Der Ermittlungsverlauf. Nach dem 17. August lief das Verfahren noch fast ein Jahr weiter. Wonach wurde ermittelt, und was war der formale Grund der Einstellung?

Der Stand heute. Mord verjährt nicht, die Akten müssten in der Altfall-Sammlung des Berliner Polizeipräsidiums liegen. Gab es je eine Wiederaufnahme, etwa als DNA-Analysen möglich wurden? Sind Asservate erhalten?

Mögliche Zusammenhänge. Gab es in West-Berlin in den 60ern weitere ungeklärte Tötungsdelikte an Prostituierten? Ich habe nichts Belastbares gefunden.

Und das Opfer. Über Luise Nährlich existiert online praktisch nichts — kein Foto, keine Biografie, nichts über Angehörige. Der Fall ist ausschließlich über den falsch Verdächtigten dokumentiert. Das ist mir als Erstes aufgefallen.




Quellen

  • Kai Hermann, "Anatomie eines Rufmords", Die Zeit 35/1966 (26.8.1966) — der zeitgenössische Schlüsseltext: zeit.de/1966/35/anatomie-eines-rufmords
  • Hans Peter Bull, "Auch ein Playboy hat Rechte", Die Zeit 49/1966 (2.12.1966) — zum Parallelfall Wohlfahrt, im Zeit-Archiv unter Jahrgang 1966, Ausgabe 49
  • Armin Fuhrer, "Legendäre Mordfälle, die ungelöst blieben – Teil 3", Focus Online, 22.10.2017. Den direkten Link lasse ich weg, weil die URL den Namen des damals Verdächtigen enthält — der Artikel ist über Autor und Titel in Sekunden zu finden, ich möchte den Namen hier nur nicht selbst in Umlauf bringen.
  • Zwei Agenturfotos vom 17.8.1966 mit ausführlichen Bildunterschriften bei Getty Images, IDs 1213352147 und 1213352181
  • Wikipedia zu Waldemar Wohlfahrt (Hintergrund Autobahnmorde): de.wikipedia.org/wiki/Waldemar_Wohlfahrt
  • Bundesarchiv-Filmothek, Wochenschau UFA-Dabei 614/1968, Beitrag "Waldemar Wohlfahrt – zwischen Halbwelt und Show-Business" mit eingeblendeten Bild-Schlagzeilen: filmothek.bundesarchiv.de/video/584804





Zwei Warnungen, weil im Netz Falsches kursiert

In diesem Beitrag steht, das Opfer sei in einen weißen Alfa Romeo Giulia gestiegen. Das ist falsch; die Zeit 1966 und beide Agenturfotos nennen übereinstimmend einen roten Citroën. Derselbe Text nennt außerdem einen Parallelfall "Gisela Herold 1965". Dafür gibt es außerhalb dieses einen Beitrags keinen einzigen Beleg — ich halte den Namen für erfunden.

Nebenbei: Focus führt das Opfer in Überschrift und Vorspann als "Luise Jährlich". Dieser Tippfehler ist über Nachrichtenaggregatoren weiterverbreitet worden. Richtig ist Nährlich.

Noch offen

Das Auffindedatum. Die Getty-Bildunterschriften nennen den 15. Juli, alle anderen Quellen den 25. Juli.

Wer das klären will: In der Staatsbibliothek Berlin, Zeitungsabteilung Westhafen, liegen die Berliner Blätter von Juli/August 1966 auf Mikrofilm. Digital im Volltext dürfte für West-Berliner Zeitungen von 1966 nichts vorliegen. Für die Ost-Berliner Presse gibt es das DDR-Presseportal der Staatsbibliothek (Neues Deutschland, Berliner Zeitung, Neue Zeit, volltextdurchsuchbar, Anmeldung erforderlich) — dort habe ich es noch nicht versucht. Im Neuen Deutschland habe ich per Hand die Ausgaben vom 4., 5., 6., 17. und 18. August durchgesehen, ohne Treffer.