hanif schrieb:Eine Erklärung wofür?
Dafür, wo das Problem liegen soll,
* daß die Römer mal ne andere als ne Siebentagewoche verwenden,
* daß die Römer mit ihrer Siebentagewoche nen anderen Tag als ersten Wochentag haben, sowie
* daß der jüdische Wochentag, der mit dem Sonntag der römischen 7-Tage-Woche zusammenfällt, bei den Juden damals noch nicht Sonntag hieß.
Für mich ergibt sich,
* daß die Juden ne Siebentagewoche haben,
* daß der siebte Tag Sabbat hieß;
* daß der Folgetag der erste Tag der Woche ist und so genannt wurde (gr.: mia tôn sabbatôn),
* daß der jüdische "Erste der Woche" stets mit dem Sonntag der römischen 7-Tage-Woche zusammenfiel wie der Sabbat immer mit dem Saturnstag.
Wenn die Evangelien nun erzählen, daß Jesus der Christus an einem Freitag in ein Grab gelegt wurde, am folgenden Sabbat aus Sabbatgründen "in Ruhe gelassen" wurde - und am nächsten Tag, dem "Ersten der Woche" (wegen des Sabbat-Vortags logischerweise der jüdischen Woche) auferweckt wurde,
dann sagt die Schrift eindeutig, der Herr ist an einem Sonntag auferstanden.
hanif schrieb:warum hätte er ein hebräisches Idiom verwenden sollen
Tscha, warum macht er das? Fest steht immerhin schon mal: er machts. Oft sogar.
Zum einen müht sich der Autor des lukanischen Doppelwerks um ein ans Klassische Griechisch heranragendes Koinê-Griechisch, wobei er auch zahlreiche Semitismen, wie sie in den Parallelstellen der anderen Evangelien vorkommen, unterbindet und in ordentliches Griechisch überführt. So verzichtet Lukas auf den Semitismus "Rabbi", ersetzt ihn meist mit epistatês, "Vorsteher". Aber an anderer Selle bringt Lukas Semitismen geradezu gehäuft, wozu ausgerechnet auch spezifisch lukanische Passagen gehören, also Texte, die in den anderen Evangelien keine Parallele haben, Sondergut. In den ersten Kapiteln etwa kommen Gebete, Lobpreisungen vor, und in denen wimmelt es geradezu von der hebräischen poetischen Stilform des Parallelismus.
Na und neben den lexikalischen Semitismen (so nennt Lukas die Mutter Jesu am häufigstem Mariam statt der griechischen Namensversion) und denen poetischer Stilformen gibts auch noch die "syntaktischen" Semitismen. So bildet der sog. Narrativ die typisch hebräische Erzählform eines durchgängigen Ereignisgangs in der Vergangenheit, auch Waw-Imperfekt genannt wegen des Waw = und zusammen mit dem folgenden gebeugten Verb im Imperfekt. Dieser semitische Satzbau findet sich massiv im griechischen Markusevangelium. Lukas weicht stark davon ab, aber bestimmte Sonderformen davon verwenet er dann doch häufig. Etwa das "wahehi" (waw + gebeugtes haja, sein/werden/geschehen), "kai egeneto", "und es geschah (daß...)". Im Erzählfluß wird damit ein Neueinsatz realisiert. Ebenso findet sich das hebräische"wehinne", "kai idou", "und siehe (:...)" etwa zum Ausdruck von Wenden.
Während Markus pro Kapitel numerisch mehr Semitismen hat (nahezu jeder Erzählsatz ein Waw-Imperfekt), verwendet Lukas mehr Semitismus Fälle (Waw-Imperfekt ist ja nur einer).
Und die Wochentagsbezeichnung "[Kardinalzahl] + der Sabbate" ist eben auch solch einbei Lukas vorkommender Semitismus. Einer unter zahlreichen. Warum er das macht, fragst Du: Warum auch immer, er macht es, oft, nachweislich. Das ist das einzige, was zählt, und da fällt die Wochentagsumschreibung nicht aus dem Rahmen. Uber das Warum immerhin wird durchaus gestritten zum lukanischen Doppelwerk, da es sich wie gesagt um griechische Hochsprache bemüht und tatsächlich einiges an Semitismen ausweislich beseitigt.
Das Vermeiden der Bezeichnung "Rabbi" immerhin läßt sich simpel erklären. Während das Markusevangelium noch zum Ende des Jüdischen Krieges hin, zumindest kurz danach entstand, wurden Matthäus und Lukas deutlich später verfaßt. Und auch bei Mt verschwand die Vokabel Rabbi weigehend. Wo in Mk treue Anhänger Christus so ansprachen, ist es bei Mt ersetzt. Nur im Munde von Jesus fernen Menschen, feindlichen Gruppen (Pharisäer...) und bei Judas Iskariot steht noch Rabbi als Anrede Jesu. Es wird deutlich gemacht: Rabbi ist eine "falsche Anrede" für den Herrn. Dahinter steht, daß nach dem Jüdischen Krieg sich die Pharisäer im Judentum als dominante religiöse Strömung durchzusetzen begannen. Die jüdischen Jesusanhänger dagegen hatten den Jüdischen Krieg nicht unterstützt, Jerusalem rechtzeitig verlassen und nach der Zerstörung von Stadt und Tempel dies als Folge der Hinrichtung ihres Herrn interpretiert. Da Rabbi eine ehrenvolle Anrede für die theologisch aktiven Pharisäer war, wollten Christen Jesus nun nicht mehr als Rabbi sehen.
Das ist mal ein sehr spezieller Grund, einen bestimmten Semitismus auszulassen. Ein weiterer Grund, der in der Lukasforschung vorgebracht wird, ist der Stil der Septuaginta. Lukas wollte nicht nur gutes Griechisch, sondern auch, daß sein Doppelwerk "nach Septuaginta klingt", also nach der Würde der damals breit anerkannten griechischsprachigen jüdischen religiösen Literatur. Dafür griff er nicht nur einzelne syntaktische Formen und poetische Stile auf, er bildete sogar eigene Wendungen, die in der Septuaginta nicht vorkamen, so nach Septuaginta-Art um, als hätten sie so direkt drin stehen können. Das issn bisserl so, wie viele sich vorstellen, wenn ein evangelischer Pfarrer weihevoll spricht: ganz im Lutherdeutsch der (alten) Lutherbibel. Kommet, wachet, suchet, bleibet. Im Ernstfall auch telefonieret, was Martin wohl nie gesagt oder geschrieben haben dürfte.
hanif schrieb:es gibt zumindest in der Septuaginta ein Wort für Woche
Nicht mal die Griechen hatten ein Wort dafür - wie hätte da die griechische Übersetzung der jüdischen Schriften eines verwenden können?
So, wie die Juden n Wochen mit n Sabbaten umschrieben, taten es die Griechen ebenfalls. Entweder nannten sie die Woche "hê heptas" oder "hê hebdomas". Ersteres heißt "die Siebenzahl", letzteres "die sieben".
hanif schrieb:In der Urfassung der Lutherbibel liest es sich so:
Ja, da hat einer einfach nur wörtlich die Vokabeln übersetzt, der die darin enthaltene Wendung jüdischer Wochentagsbezeichnung nicht kannte. Du dachtest doch auch, der griechische Wortlaut sei uneindeutig formuliert. Ist so, als würde ein Nichtmuttersprachler das Verb "kehren" nur von Straßenkehrer, Kehrschaufel, Kehricht, Kehrwoche (Ländle läßt grüßen), Kaminkehrer usw. kennen und dann an einem "ich kehre Dir den Rücken" scheitert.
Hier noch kurz ne Korrektur: mia heißt nicht erste (Ordinalzahl), sondern eins (Kardinalzahl) / eine. Also nicht "erster (Tag) der Sabbate", sondern "(Tag) eins der Sabbate).
hanif schrieb:Ich halte die Gleichsetzung von Sabbat und Saturn-Tag für einen möglichen Anachronismus, dass die Juden zur Zeit Christi den ersten Tag der Woche als Sonntag benannt haben, kann man denke ich aber ausschließen, oder gibt es dafür Belege? Warum hätten sie das tun sollen?
Erklär Du erst mal Deins! Ich mein, selbst in der Siebentageschöpfung ist der Sabbat der siebte Tag der ersten, der "Schöpfungswoche". Schaur man sich die separaten Schöpfungsabschnitte an, dann sind das mehr als sieben, und sprachlich stilistisch paßt der Sabbat-Abschnitt überhaupt nicht zum Aufbau der geschilderten einzelnen Schöpfungswerke. Deutlich erkennbar, daß hier jemand die Schöpfungserzählung sekundär erst ins Siebentage-Schema gefügt hat, wobei er alles Vorhandene auf nur sechs Tage verteilt und den siebten Tag zum Ruhetag stilisiert hat. Eindeutig, daß Israel bzw. das Judentum da schon die Siebentagewoche hatte (was auch mit meinem früheren Beleg klar war) - und den Sabbat als siebten Tag dieser Woche!
Wenn es daneben nun noch eine andere Siebentagewoche gibt, dann steht schon mal fest, daß wenn der jüdische Wochentag X mit dem Wochentag Y jener anderen Siebentageswoche einmal zusammenfällt, dann gehen die
immer zusammen. Außer, wenn ein Wochensystem z.B. so funktioniert, daß die laufende Wochentagszählung bei jedem Monats-, Jahres- oder sonstigem Wechsel wieder auf 1 gesetzt wird. Is hier aber nicht.
Der Tag, der im Judentum auf einen Sabbat folgt, ist also im Siebentagewochen-Rom und vielen Nachfolgekulturen der Sonntag.
Welcher Tag in der jeweiligen Wochen-Art nun als erster Wochentag gilt, ist für diese Gleichsetzung irrelevant. Sabbat und Saturnstag fallen stets zusammen, deren Folgetag ebenso.
hanif schrieb:Es wäre allerdings möglich, dass der 7. Tag der Juden auf den ersten 1. Tag der Römer gefallen ist und mit der Christianisierung hätten die Römer dann den zweiten Tag der Woche zum ersten gemacht. So wie neuzeitlich Montag zum ersten Tag der Woche wurde.
Nach römischer Lesart hätten die frühen Christen sich dann aber am römischen Saturn-Tag treffen müssen und die Juden am eigentlich 6. Tag, das passt auch wieder nicht.
Wie bitte - was??? Wenn die Römer ab Christianisierung nicht meht den Saturnstag, sondern den Sonnentag als ersten Tag der Woche zäjlen, wieso sollte daraufhin jemand die Aktivitäten oder Ereignisse auf nen anderen Tag verschieben?