Ignatz85 schrieb: Meine Frage ist also: Ist es möglich, durch Arbeit an sich selbst, solch einen Charakter zu erlangen und das eigene Leben dadurch viel leuchtender zu machen?
Ich würde behaupten, ja, mir ist das ein Stück weit gelungen, aber es war wirklich Zufall. Ich war ein sehr schüchternes Kind, meine Eltern und der Zeitgeist waren in den 70ern so "nimm dich mal überhaupt nicht wichtig". Ich bin mit 16 ausgezogen und habe eine Ausbildung gemacht. Da sich der Lehrmeister nicht mit uns nach der Arbeitszeit rumärgern wollte, hatte er einen "Deal" mit einer älteren Frau, die uns total billig Zimmer im Dachgeschoss vermietet hat - normalerweise von Montag - Freitag, aber ich war weit weg von daheim, es gab keine Zugverbindung und meine Eltern waren froh, dass ich nicht mehr da war. Ich habe öfters gehört, wie die alte Frau das thematisiert hat: "Da muss mit der ja was nicht stimmen, wenn die eigenen Eltern sie nicht wollten." Das unterstrich meine Unsicherheit, das hatte ich mir echt auch oft überlegt. Ich war auch superschüchtern und versuchte mich immer klein zu machen und wollte den Leuten immer gefallen. Das missfiel meiner Lehrherrin "die trägt sich immer so an, widerlich, ganz komische junge Frau". Das Resultat war: Ich war jedes Wochenende alleine, meine Mitazubis wurden freitags abgeholt, ich trödelte immer sehr, dass ich das nicht sehen musste und fand mich damit ab, dass ich "seltsam" war. Es ist ja auch wie ein Kreis: Du bekommst Rückmeldungen, dass du komisch bist, findest dich dann selbst komisch ... Die Einsamkeit fand ich immer schrecklich.
Wie bin ich rausgekommen? Eigentlich durch mehrere Zufälle. Weil ich freitags immer so getrödelt habe, fragte mich mal ein Azubi aus dem letzten Lehrjahr, der im Ort wohnte, ob ich abends mit weggehen wollte. Ich war so überrascht, dass ich fast "nein" sagte, ich glaube, er wollte nur nett sein. Aber es war ein witziger Abend und irgendwann gehörte ich zur Freitagabend Clique. Dadurch landete ich dann auf einer Party, wo ich meinen ersten festen Freund kennenlernte und in seinem Freundeskreis landete.
Ich lernte auch, dass es viel einfacher ist, Leute durch regelmäßige Begegnungen kennenzulernen. Beispiel: Ich habe später in dem Studiwohnheim, wo ich wohnte, Sonntagmittags eine Brettspielrunde aufgemacht. Da kamen Leute, mit denen wäre ich normalerweise nicht befreundet gewesen. Beim Brettspielen (das mache ich gerne) war es dann egal. Somit bekam ich ein Netz von Bekannten ... Bei mir ist sicher der Beruf (Lehrer) noch ein Faktor. Da brauchst du eine Ausstrahlung (idealerweise), dass die Schüler dir glauben, dass du jederzeit der Chef im Ring bist - und das kann man dann auch ins Privatleben übertragen, nicht, dass ich da dominierend bin, aber irgendwie mögen Leute selbstbewusste andere Leute :-). Inzwischen habe ich seit vielen Jahren einen wirklich sehr stabilen Bekanntenkreis und bin sehr froh darüber, gerade auch, weil Mr Mary abends beruflich viel unterwegs ist, die Kinder sind groß, ... so kann ich Dinge unternehmen (wobei ich auch alleine ins Theater oder Kino gehe, aber manchmal poste ich einfach auch im Status ... und siehe da, es kommt dann oft jemand mit).