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Es war im September 2001. Nur wenige Tage nach den Anschlägen von New York und Washington. Ein FBI-Agent betritt das Whitney Museum in New York. Er ist auf der Suche nach Informationen über Osama Bin Laden und dessen Finanzierungsnetzwerk BCCI - in einem Kunstwerk. Der New Yorker Künstler Mark Lombardi hatte sich schon Jahre zuvor für den Paten des Terrors interessiert und seine Verwicklungen in das US-Bankensystem in einem detaillierten Diagramm nachgezeichnet. Offensichtlich genauer als das FBI.

Greg Stone, ein befreundeter Künstler: "Das war ein bahn brechender Moment, der die Kunstgeschichte verändert hat. Natürlich gab es auch früher politische Künstler. Aber ich glaube nicht, dass jemals der Geheimdienst eines Landes das Werk eines Künstlers untersuchte, um Informationen zu sammeln."

Der Mann, der internationale Terrornetzwerke, Wirtschafts- und Politkrimis als graphische Kunstwerke darstellte, war im April 2000 in seinem Studio in einer ehemaligen Fabrik in Brooklyn tot aufgefunden worden - erhängt. Mark Lombardi sammelte besessen Informationen. Immer auf der Suche nach geheimen Machenschaften in Politik und Wirtschaft, nach unbekannten Verbindungen zwischen Regierungen, Verbrechern, Konzern- und Mafiabossen.

Mark Lombardi: "Der Kern meiner Arbeit ist Forschen und Zeichnen. Die graphische Darstellung von Informationen. Darüber hinaus habe ich nichts Wesentliches zu sagen."

Die riesigen Netzwerk-Zeichnungen von Mark Lombardi sind von einer eigenartigen Schönheit. Wie wuchernde Mikroorganismen, wie Käfer, Spinnennetze oder Sternbilder sehen sie aus. Doch hinter dieser Schönheit lauern Verschwörungen und Verbrechen. Man fängt an, die Namen zu lesen: George Bush, Bill Clinton, saudiarabische Banken und texanische Ölfirmen. Und plötzlich ist man mittendrin in einem Thriller.

Eines von Mark Lombardis Lieblingsthemen waren die Verwicklungen des heutigen amerikanischen Präsidenten in die Machenschaften der Ölindustrie. Kurz vor Ausbruch des ersten Golfkrieges 1991 verkaufte George Bush junior ein Aktienpaket des texanischen Ölkonzerns Harken Energy für 850 Tausend Dollar. Zwei Monate später wäre es nur noch ein Viertel wert gewesen. Bush bestritt, von den Kriegsplänen seines Vaters gewusst zu haben.

Joe Amrhein, Mark Lombardis Galerist: "Wir zeigten Marks Arbeiten oft Vertretern großer Konzerne. Sie waren begeistert und hätten sie gerne gekauft. Aber dann lasen sie die Namen auf den Bildern und meinten: Naja, wissen Sie, der da ist unser Kunde, und der auch. Ich denke nicht, dass wir ein solches Bild haben sollten."

Eines der ersten Netzwerk-Diagramme Mark Lombardis wurde angeregt durch die Iran-Contra-Affäre der Achtziger Jahre. Hinter der scheinbaren Ordnung des abstrakten Diagramms verbirgt sich eine beängstigende Wirklichkeit. Mit Hilfe des Sicherheitsberaters Oliver North hatte der Geheimdienst CIA illegal dem Todfeind Iran Waffen verkauft und mit dem Erlös den Aufstand der rechten Contras in Nicaragua finanziert. Unwillkürlich fragt man sich, was Mark Lombardi aus den Affären um den Irak-Krieg und die fehlenden Massenvernichtungswaffen gemacht hätte ...

Mark Lombardi: "Ich war auf der Suche etwas, das einerseits die Ausdruckskraft eines Gemäldes hat, und das gleichzeitig eine Geschichte erzählt. Narrative Information. Ich nenne diese Zeichnungen narrative Strukturen."

Lombardi hatte ein Archiv mit über viertausend Karteikarten, auf denen er Informationen aus Büchern, Zeitungsartikeln und Datenbanken sammelte. Alles öffentlich zugängliche Quellen. Er zeichnete ausschließlich mit der Hand. Computergraphik lehnte er ab. Wie ein Besessener arbeitete er manchmal Tag und Nacht.

Robert Hobbs, Kunsthistoriker: "Seine Arbeitsweise war faszinierend intensiv. Oft arbeitete er an einem Werk vier oder fünf Tage und Nächte ununterbrochen, ohne zu schlafen. Dann stellte er die Stereoanlage auf höchste Lautstärke, aber ohne Musik, nur weißes Rauschen. Um jedes Geräusch um ihn herum auszuschalten."

Um die Ausdruckskraft seiner Zeichnungen zu steigern, experimentierte Lombardi auch mit einem Lichtkasten. Er zeigt die geheime Verwicklung des Vatikans zur Zeit Papst Paul VI. in einen internationalen Geldwäsche-Skandal, unter Beteiligung der Mafia und amerikanischer Diplomaten. Wie ein Historiengemälde erzählt diese Graphik von Macht, Gier, Ritual und Mord. Im Juni 1982 wurde Roberto Calvi, Vorstand der Banco Ambrosiani, tot aufgefunden.

Greg Stone, ein befreundeter Künstler: "Ich fragte Mark: Was soll einen italienischen Sammler davon abhalten, das Bild zu kaufen, nur um es vor der Öffentlichkeit zu verstecken? Und er sagte nur: Ich hoffe, ich werde niemals so wichtig werden."

Trotzdem fühlte sich auch Mark Lombardi verfolgt. Seine Kunstwerke enthielten äußerst brisante Informationen, und er wurde immer bekannter, die wichtigsten Museen kauften seine Bilder. Mark Lombardi: "Die meisten der Leute, von denen ich meine Informationen beziehe, laufen immer noch herum. Und alle meine Quellen sind öffentlich. Aber es gab auch einige Fälle, in denen Journalisten ermordet wurden. Das ist tatsächlich passiert."

(Autor: Joachim Gaertner)

Quelle: siehe Link


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