maluca schrieb am 05.06.2026:Hier wird eine ehemalige Mitschülerin der Täter, die nun als Journalistin tätig ist und den Prozess auch beobachtet hat, interviewt.
Ich möchte den von Dir angesprochenen Podcast noch einmal ganz ausdrücklich empfehlen - hauptsächlich, weil er so außergewöhnlich außergewöhnlich ist, aber auch, weil er von der ersten Minute bis zur letzten eine fantastische Qualität hat. Diese Qualität entsteht dadurch, dass die Autoren alles weglassen, was man weglassen sollte: Es gibt keine Spekulationen, keine Wiederholungen, keine Küchen-Psychologie, keinen Sensationalismus, keine pseudo-bedeutsamen O-Töne, keinen Populismus und keine (vorgetäuschte) Allwissenheit der Autoren. Was es dagegen gibt, ist sehr viel Hintergrundwissen zu den (angenommenen) Motiven für die Tat, zum Verhältnis der beiden verurteilten Täter und - besonders wichtig - zum Leben und zur Persönlichkeit des Opfers. Selbst wenn man den Fall schon gut kennt, wird man durch diesem Podcast noch etwas dazulernen. Die Erzählung ist spannend, auch wenn man ja eigentlich schon weiß, wer die Täter sind und welche Strafen sie bekommen haben.
Das Beste an diesem Podcast ist allerdings - meiner Meinung nach - nicht das, was er über den konkreten Fall berichtet, sondern dass, was er (direkt und indirekt) zu den folgenden Fragen aussagt: 1. Kann jeder, wirklich jeder, zum Mörder werden? 2. Kann man einem Freund/Bekannten ansehen, dass er irgendwann zum Mörder werden wird bzw. kann man ihm nach der Tat ansehen, dass er zum Mörder geworden ist?
Ich schrieb weiter oben, der Podcast sei außergewöhnlich außergewöhnlich. Damit meinte ich, dass ich vor diesem noch nie einen Podcast gehört habe, in dem eine Journalistin befragt wird, die jahrelang mit den beiden Tätern in eine Schulklasse ging, von beiden ein sehr positives Bild hatte und ihnen freundschaftlich zugewandt war, und die auch deren späteren Lebensweg der beiden verfolgte. Diese außergewöhnliche Podcast-Konstellation erlaubt es uns, nachzuvollziehen, wie schwer es ist, überhaupt nur den Gedanken zuzulassen, dass Personen, von denen man über lange ein sehr positives Bild hat, zum Mörder geworden sein könnten.
Die Journalistin (Katharina Müller-Güldemeister) kann es einfach nicht glauben, als sie zum ersten Mal durch einen gemeinsamen Bekannten vom Tatverdacht gegen ihre beiden ehemaligen Mitschüler Benny und Björn hört. Sie kann es auch nicht glauben, als die Zeitungen von der Festnahme der beiden berichtet. Sie ist sich sicher, dass alles ein großer Irrtum sein muss, weil sie keinem der beiden Ex-Mitschüler einen Mord zutraut, nicht einmal ansatzweise. Als Benny ihr aus der JVA einen Brief schreibt, ist sie geneigt, den kompletten Inhalt für bare Münze zu nehmen, obwohl dieser Inhalt Lügen enthält.
Erst als sie - nach langem Zögern - ernsthafte, journalistische Recherchen anstellt (die später veröffentlicht werden), bekommt sie erste Zweifel an der Unschuld der beiden, aber es dauert lange, bis ihre Rationalität sich gegen die Emotion durchsetzt, und sie die erdrückenden Indizien, von denen sie im Prozess hört, als Wahrheit betrachten kann. Sie sagt aber am Ende des Podcasts, dass es ihr immer noch nicht gelingt,
emotional zu akzeptieren, dass Björn und Benny zu Mördern geworden sind und sie, die Journalistin sich gewaltig in den beiden getäuscht haben muss. Soweit meine kurze Zusammenfassung. Der O-Ton der Journalistin ist natürlich wesentlich eindrucksvoller, weil man selbst ihrer Stimme und Sprechweise anhört, wie schwierig diese ganze Situation für sie ist.
Ich finde das alles so interessant, weil hier im Forum ja öfter mal die Diskussion aufkommt, ob nicht Ehepartner oder beste Freunde (oder so) merken müssten, wenn jemand auf dem Weg ist, zum Mörder zu werden. Oder, zweite Variante: Ob man nicht wenigstens nach der Tat merken müsste, dass Ehepartner oder bester Freund schon zum Mörder geworden sind. Wenn man diesen Podcast gehört hat, wird man sehr dazu neigen, beide Fragen mit "nein" zu beantworten. Ebenso wird man wahrscheinlich aufhören, sehr viel auf die Meinung der Angehörigen von Tätern zu geben, wenn die sagen: "Mein Mann/Freund/Kind/ Arbeitskollege wäre niemals in der Lage, einen Mord zu begehen". Oder, zweite Variante: "Wenn mein Mann/Freund/Kind/ Arbeitskollege einen Mord begangen hätte, dann hätte ich das sicher bemerkt. Aber da ich nichts bemerkt habe, muss er/sie/es unschuldig sein.
Alles gerade Gesagte gilt übrigens auch für Suizide. Auch da wird in unserem Forum hier öfter mal steif und fest die Meinung vertreten, dass Nahestehende doch merken würden, wenn jemand auf dem Weg in den Suizid sei - mit dem Umkehrschluss, dass es eben kein Suizid gewesen sein kann, wenn die Nahestehenden im Vorfeld keine Anzeichen für einen Suizid erkennen konnten. Das ist Unsinn, und man sollte Sätze wie "Mein Mann/Freund/Kind/Arbeitskollege würde sich niemals umbringen; er war nicht der Typ dafür" niemals als Indiz für irgendetwas werten. Ob Mörder oder Suizident - wir überschätzen einfach massiv unsere Fähigkeiten, andere Menschen zu durchschauen, und wir unterschätzen die Fähigkeit, anderer Menschen uns unabsichtlich oder absichtlich zu täuschen.
Wiederholung: PODCAST = SEHR, SEHR GUT!