Mondriana schrieb am 06.01.2010:Ich wüßte gerne, ob andere hier auch Erfahrungen mit dieser, ich finde teuflischen Krankheit gemacht haben und wie sie damit und natürlich mit dem Menschen umgegangen sind.
Der Thread ist schon alt, aber vielleicht liest es trotzdem jemand.
Meine Schwiegermutter ist vor kurzem verstorben. Ich habe sechs Jahre lang ihr Leben organisiert, seit sie 2020 merklich an Demenz erkrankt ist.
Vermutlich war sie es schon davor, nur hatten wir kaum Kontakt. Ich bin Österreicherin, mein Mann Deutscher und er ist zu mir gezogen. Seitdem bestand wenig Kontakt zu seiner Familie, weil diese einfach zu weit weg lebt. Die Anreise dauert 8 Stunden, da fährt man nicht schnell übers Wochenende hin. Somit blieb es bei Besuchen im Urlaub und das ist nunmal dann nicht öfter als zweimal im Jahr. Urlaub nehme ich geblockt, einmal 2 und einmal 3 Wochen, mehr Jahresurlaub habe ich nicht. In meiner Branche gibt es auch keine freien Wochenenden oder Feiertage.
2020 fiel mir dann bei einem Telefonat mit meiner Schwiegermutter auf, dass ihre Antworten nicht zum Gesprächsverlauf passen. Ich war gerade bei meiner Mutter und wir telefonierten zusammen mit ihr über Lautsprecher. Meine Mutter und ich sehen einander nur stumm an und wussten Bescheid. Meine Omi war an Demenz erkrankt und meine Mutter pflegte sie, daher erkannten wir die Zeichen.
Ich sprach mit meinem Mann und wir kamen überein, dass ich mich um seine Mutter kümmern würde. Ich bin besser im Organisieren und arbeite Teilzeit, er nicht. Sein Bruder wohnt zwar näher dran, ist aber selbst pflegebedürftig und fiel daher aus. Die Schwägerin hat schon genug damit zu tun, sich um ihn zu kümmern.
Also besuchte ich meine Schwiegermutter und schlug ihr eine Vorsorgevollmacht vor. Es war wichtig, das zu erledigen, bevor die Demenz offiziell diagnostiziert wird, denn die Diagnose macht sie ja geschäftsunfähig, ergo kann sie auch keine Vollmachten mehr erteilen. Zum Glück stimmte sie dem Vorschlag zu und ich erhielt eine Generalvollmacht. Wir mussten auch zur Bank und ich ließ die Vollmacht auch registrieren und legte sie allen Ärzten und Behörden vor.
Dann begann der Diagnoseprozess. Das alleine war schon langwierig und mühsam, in Deutschland ist so vieles anders als in Österreich. Beispielsweise bekam ich selten Befunde direkt in die Hand, sondern die gingen an den Hausarzt und ich musste sie dort holen, was einen zusätzlichen Weg bedeutete. Anfangs musste ich jede zweite Woche meine Dienste so tauschen, dass ich drei Tage hintereinander frei habe, und zwar unter der Woche: zwei für die Hin- und Rückreise und einen vollen Tag für Arzt- und Behördenwege. Und das alles während der Covid-Pandemie. Das war echt kein Spaß.
Mittlerweile benötigte sie im Alltag Unterstützung. Erst reichte ein ambulanter Pflegedienst, der dreimal pro Woche nach ihr schaute und einkaufte, kochte, Haushalt machte. Musste sie selbst bezahlen, da sie zunächst nur Pflegegrad 1 zuerkannt bekam und Widerspruch nötig war, damit sie neu eingestuft wurde. Zum Glück war damals noch Geld vorhanden.
Das war aber schnell aufgebraucht, sobald sie ab 2021 nicht mehr alleine zurechtkam und eine 24-Stunden-Pflege benötigte. Sie lebte schon lange von meinem Schwiegervater getrennt, sie waren aber nicht geschieden. Schwerer Fehler, denn sobald die Pflege richtig teuer wurde, reichte er die Scheidung ein und sie verlor die Hälfte ihrer Ersparnisse. Hätte sie sich gleich bei der Trennung scheiden lassen, wäre sie günstiger davongekommen, da sie erst ab diesem Zeitpunkt für sich selbst vorzusorgen begann.
Es dauerte eine Weile, bis wir die richtigen Pflegekräfte für meine Schwiegermutter fanden. Die Agentur schickt ja immer wieder andere und das ist bei Demenz nicht hilfreich. Es fanden sich dann aber zwei Frauen, die immer abwechselnd kamen und mit meiner Schwiegermutter wirklich liebevoll und toll umgingen. So konnte sie dann sehr lange zu Hause bleiben und erst, als das ihr Gesundheitszustand nicht mehr zuließ, kam sie erst ins Krankenhaus, dann ins Pflegeheim. Vor kurzem erkrankte sie dann an einer Lungenentzündung und verstarb auch daran.
Es war eine anstrengende und schwierige Zeit, aber für mich auch bereichernd. Ich habe meine Schwiegermutter besser kennenzulernen können und zu ihr eine Beziehung aufgebaut, die ich vor ihrer Erkrankung nicht hatte und wahrscheinlich sonst auch nie gehabt hätte. Es lag an der räumlichen Distanz, ich mochte sie immer schon, aber wir hatten kaum Berührungspunkte.
Am Anfang ihrer Erkrankung konnten wir uns ja noch unterhalten, da ist sie mit viel erzählt über ihre Kindheit, ihr Leben, ihre Ehe... Am Ende hat sie mich nicht mehr erkennt. Das habe ich aber nicht persönlich genommen.
Es gab Situationen, in denen sie mir verletzende Dinge vorwarf, die nicht stimmten. Zum Beispiel fragte sie mich, wieso ich zwei Männer brauche und wieso ich neben meinem Mann auch noch ihren Sohn da mit hineinziehen muss in mein Schlamassel. Ich habe ihr dann erklärt, dass ich nur einen Mann habe und zwar ihren Sohn. Das klappte aber nicht, denn der Mann an meiner Seite war viel älter als ihr Sohn in ihrem Kopf. In ihrem Kopf war ihr Sohn ein Kind oder Teenager und drum war sie so empört, weil eine ältere Frau wie ich sich an ihren Sohn heranmacht.
Sie erzählte das auch so herum und für Außenstehende war ihre Demenzkrankung zu diesem Zeitpunkt noch nicht erkennbar und die haben das wahrscheinlich alles geglaubt. Das war mir unangenehm. Ich wusste aber, dass meine Schwiegermutter nicht aus Boshaftigkeit tut, sondern es wirklich glaubt.
Oder sie warf mit vor und erzählte anderen, ich hätte ihr Geld gestohlen. Sowas bleibt ja auch leicht hängen bei anderen, auch wenn es nicht stimmt. Ich konnte zwar alle Kontobewegungen belegen, aber sie meinte ja, sie habe 10000 Euro in der Wohnung gehabt und ich hätte diese genommen und sowas lässt sich halt schwer widerlegen. Bis heute habe ich keine 10.000 Euro gefunden, ich nehme also am, die existierten gar nicht.
Ansonsten kam ich im Allgemeinen gut mit meiner Schwiegermutter zurecht und sie war auch immer kooperativ und nie aggressiv. Es gab keine Beschimpfungen oder Schläge, sie schmierte auch keine Exkremente an Wände, so wie es manche demenzkranke Menschen tun. So gesehen hatte ich wohl Glück.
Jetzt müssen wir noch die Beisetzung organisieren, die Wohnung auflösen und den Nachlass regeln.
Es ist schon seltsam, wenn nach 6 Jahren sich plötzlich alles ändert und man sein Leben wieder neu gestalten muss. Ich vermisse meine Schwiegermutter auch und ich bin traurig, dass sie verstorben ist. Es ist mir ein Trost, dass sie sehr friedlich aussah.