Schlafwandler schrieb:Die Versuche, die Einbruchsthese zurückzuweisen, sind mittlerweile nicht frei von Verzweiflung.
Ich halte es für problematisch, hier ganz festgelegte Statements machen zu wollen, wo sicherlich nur ein Bruchteil der Informationen, welche der Polizei vorliegen, an uns (die Öffentlichkeit) gelangt. Und laut allem, was die Ermittler sagen, kann man beide Theorien aus guten Gründen vertreten. Wenn ich streng sein möchte, sind ein paar Aussagen der Ermittler sogar in der Tendenz defensiv zur Einbrecher-Theorie (z.B., dass diese "auch denkbar" sei).
Warum sich nicht mal mit einer gewissen Ambivalenz zufrieden geben? Das ist leider manchmal hier eine generelle Schwäche bei Allmystery, dass Lücken mit Theorien vertreten werden (mache ich vielleicht auch), aber diese dann auch noch auf apodiktische Weise zu vertreten (mache ich nicht).
Schlafwandler schrieb:Das Wenige, das an materiellen Spuren vorhanden ist, wird wegdefiniert, wenn es nicht in das gewünschte Szenario passt. Und aus dem ehemals professionellen Auftragsmörder ist jetzt ein nur noch halbprofessioneller geworden, der die merkwürdigsten Verhaltensweisen an den Tag legt.
Wegdefiniert habe ich nichts, was die materiellen Spuren angeht. Aber dass nur dieses kleine Lokalblatt in einem Fragesatz die Spuren in der Dusche klar benennt und sonst kein Medium, lässt gewisse Fragen und natürlich weitere Details offen. Auch die Polizei sagt nicht, wie in anderen Cold Cases, etwas wie: "Wenn wir die Spur zuordnen können, haben wir unseren Täter." Das sagt mir, dass es noch andere Lösungsansätze geben könnte. Fingerabdrücke können auf gewissen Oberflächen sehr lange bestehen, selbst wenn jemand mal duscht und es feucht wird.
Die Theorie, dass es auch ein halbprofessioneller Killer sein
könnte, habe ich hier schon recht früh vertreten. Und für einen Einbrecher wären die Verhaltensweisen zum Teil noch abstruser, weil dieser nicht mit einer Tötungsabsicht ans Werk gehen wird (dazu unten mehr).
Schlafwandler schrieb:Es ist natürlich das famose Notizbuch, das hier die Sinne verwirrt. Da es verschwunden ist, muss es vermeintlich unbedingt mit dem Mord zu tun haben, obgleich kein Außenstehender weiß, was eigentlich darin steht. So wäre es in einem Kriminalroman, aber so muss die Realität nicht sein. Das Notizbuch konnte ein bloßer Beifang sein, als der Täter den Inhalt der Tasche mitgenommen hat.
Man sollte sich nicht zu sehr am Notizbuch aufhängen, da gebe ich dir sogar recht. Was drin gestanden haben könnte, weiß man laut XY aber schon ziemlich genau. Nämlich Gedanken, Termine und Besuche im Haus. Alles davon könnte tatrelevant sein. Und da ist dann wiederum schon eine Tendenz dabei, dass es jemand mitgenommen hatte, der wusste, dass sie dort regelmäßig etwas notiert.
Was mich vor allem von der puren Einbruchsthese wegbringt, sind die Wahrscheinlichkeiten:Die Hunderte an Kombinationsmöglichkeiten, wo sich Täter und Opfer in der 20-Zimmer-Villa von Frau Hohmann begegnen können. Was einigen Menschen vielleicht nicht klar ist, wenn sie nur auf engem Raum leben. Etwas privat, aber bei unseren 250 Quadratmetern zu zweit können wir uns oft den ganzen Tag aus dem Weg gehen. Dass es ausgerechnet an der Tür war, hält die Polizei ja auch für ein starkes Indiz für einen Täter, den sie kannte (siehe Podcast). Der Nachbar bringt zwar im WDR eine andere Theorie, aber das wird von der Polizei auch einbezogen sein.
Aber das ist ja nur der Anfang: Mit 78 Jahren wie Frau Hohmann hat man über 28.000 Lebenstage hinter sich, in ihrem Fall sogar den Zweiten Weltkrieg. Und von all diesen über 28.000 Tagen wird sie ausgerechnet an jenem Tag ermordet, an dem ein Mordmotiv gegen sie am stärksten sein dürfte: Weil sie wenige Stunden davor steht, womöglich jemandem sein Millionenerbe zu entziehen.
Ich habe nicht die Statistik für 1998, aber laut BKA gibt es heute 80.000 bis 90.000 Wohnungseinbrüche. Die Opferzahl für Wohnungseinbruchdiebstahl mit Todesfolge liegt laut BKA im Jahr 2023 bei exakt einem Fall, für 2024 bei null Fällen. Über den niedrigen einstelligen Bereich kommt das nicht heraus. Einbrecher suchen Beute, keinen Mord. Die extrem wenigen Mordfälle passieren überwiegend bei körperlichen Konfrontationen, und da brauchte der Täter kaum Angst zu haben.
Lassen wir die möglichen Begegnungsorte im Haus mal großzügig außen vor, allein die (natürlich extrem grobe) Rechnung 28.000x80.000 zeigt, in welchen Sphären absonderlichen Glücks sich der fast enterbte Erbe befand, dass Frau Hohmann just am Tag der möglichen Millionen-Testamentsänderung auf einen der wenigen mordenden Einbrecher pro Jahr in Deutschland trifft.
Und deshalb halte ich es für falsch, einen Täter oder einen Auftragsmord aus ihrem Umfeld auszuschließen.